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Bildungslandschaften gemeinsam gestalten

Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung fordert eine kommunale Bildungslandschaft für Kinder und Jugendliche. Ein lokales Gesamtsystem für Bildung, Betreuung und Erziehung soll die Verengungen und Begrenzungen der Teilsysteme Kinder- und Jugendhilfe sowie Schule überwinden. Zentraler Ort einer solchen Bildungsplanung soll die Kommune sein.

Das Themenheft "Bildungslandschaften in gemeinschaftlicher Verantwortung gestalten", herausgegeben von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, behandelt dazu Grundsatzfragen und Praxisbeispiele. Es reflektiert das Jahresthema des Programms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen", nämlich die gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme verschiedener gesellschaftlicher Träger und Einrichtungen für die Gestaltung lokaler Bildungslandschaften. Das herkömmliche "Bildungsmonopol der öffentlichen Hand" gehöre demnach der Vergangenheit an.

Es besteht Konsens über vier gesellschaftspolitische Herausforderungen, die gesellschaftliche Lösungen erfordern:

  • die demografische Entwicklung,
  • die hohe Anzahl von Bildungsverlierern, d.h. jungen Menschen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung,
  • die alarmierenden Angaben, das in manchen Regionen bis zu 30% der Kinder unter Armutsbedingungen aufwachsen,
  • die steigende Nachfrage nach solide qualifizierten Schulabgängern und Absolventen beruflicher Ausbildungen.


Deutschland als integrationspädagogisches Entwicklungsland

In diesem Zusammenhang spielen Schülerinnen und Schüler mit Benachteiligungen eine zentrale Rolle: im Verhältnis zu drastisch sinkenden Schülerzahlen sind die Zahlen der Jugendlichen in Sondereinrichtungen in manchen Bundesländern um das Zweieinhalbfache angestiegen. Ein Zugang dieser Jugendlichen zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist oftmals unmöglich. Etliche von ihnen werden vielleicht ein Leben lang auf Transferleistungen angewiesen sein.

Nach Meinung der Autorinnen und Autoren ist die Zeit reif für die Verlagerung von der Bildungspolitik auf  die lokalen und kommunalen Strukturen. Dazu muss ein neues Ausloten und Verorten der Verantwortlichkeiten, der personellen und finanziellen Ressourcen sowie der verwaltenden Ressorts zwischen Ländern und Kommunen erfolgen. Außerdem zeitigt die Sozialraumorientierung weitere Akzentverschiebungen: sie hat die Einbeziehung verschiedener Gruppen von Akteuren zur Folge, die im herkömmlichen Verständnis mit Schule bisher nur indirekt im Zusammenhang standen. Hier sind Verbände und Vereine, Initiativen und Privatpersonen sowie weitere zivilgesellschaftliche Einrichtungen zu nennen.

Der Begriff "Lokale Bildungslandschaften" bezeichnet Ansätze und Konzepte kommunaler Jugend- und Bildungspolitik, die versuchen, Kindern und Jugendlichen bessere Bedingungen und vielfältige Gelegenheiten für ihre Bildung zu bieten und insbesondere benachteiligte Kinder und Jugendliche wirksamer zu fördern. Schule und Jugendhilfe sind die beiden zentralen öffentlichen Institutionen, um Ideen und Programme verwirklichen zu können.

Kommunale Verwaltung und Politik stellen weitere wichtige Akteure dar. Da es oft schon an der Zusammenarbeit einzelner Schulen hapert, scheint eine verlässliche und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Schule und Einrichtungen der Jugendhilfe ohne eine solche übergeordnete Steuerungsinstanz häufig noch in weiter Ferne zu sein.

Zumindest eine politische Entscheidung verweist in die Richtung, dass lokale Strukturen für gute Ausbildungsbedingungen geeignet und erforderlich sind: die Entscheidung für ganztägige schulische Angebote.


Sozialraum als Bildungsraum

Die Sozialraumorientierung soll eine Regionalisierung institutionellen Handelns bewirken. Versteht man kommunale Räume auch als Ort der Bildung, so ist nach ihrer Struktur zu fragen und nach den Möglichkeiten, wie sie als Bildungsraum gestaltet werden können.

Schule findet in der Jugendhilfe einen Partner, der sie darin unterstützen kann, ein der "Pluralität der Lebenslagen" adäquates Angebot für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Die Kooperation von Schule und Jugendhilfe kann dazu beitragen, eine soziale und pädagogische Infrastruktur in den Kommunen zu entwickeln.


Folgende Bedingungen und Strategien sind zusätzlich zu berücksichtigen:

  • die wichtige Rolle des kommunalen Schulverwaltungsamtes und des Jugendamtes als öffentlichem Träger der Jugendhilfe,
  • die Beteiligung von Lehrkräften sowie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anderer Institutionen,
  • partizipative, bürgerorientierte Verfahren,
  • integrierte Fachplanung, Monitoring und Evaluation, um die bloße Aneinanderreihung von Angeboten und Leistungen zu vermeiden,
  • die zunächst zu ermittelnden Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen.

Als Beispiele Guter Praxis werden das bildungspolitische Leitbild der Stadt Dortmund und die "Bildungslandschaft Arnsberg" vorgestellt. Hier wird Bildung für Kinder und Jugendliche als öffentliche Aufgabe der Stadt angesehen, die diesen politischen Willen durch Einbeziehung von Institutionen wie Jugendamt, Kulturamt und Schulverwaltungsamt untermauert.


Praxis-Check "Kommunale Bildungsplanung"
 
Das Themenheft "Bildungslandschaften" stellt auch vor, wie "eine gemeinsame Planungspraxis gelingen" kann. Eine kommunale Bildungsplanung soll auf zwei Fundamenten beruhen:

  • auf einer Planungsorganisation, die einerseits Schnittstellen zwischen den bestehenden Verwaltungsstrukturen, Fachbereichen und Planungsabläufen herstellt und ihr einen strukturell abgesicherten Rahmen gibt, andererseits auf neuen planungsrelevanten Gremien und Orten der Kommunikation.
  • auf einem Informationssystem, das die Ziele der Datenerfassung und -auswertung, Erklärungs- und Hypothesenmodelle sowie Planungsziele definiert und das zentrale Dach einer gemeinsamen abgestimmten Planung darstellt.

Beispielhaft werden der Ablauf einer integrierten Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung modellhaft vorgestellt, typische Fehlerquellen und Stolpersteine aufgezeigt und in einem Praxis-Check grundlegende Planungsschritte dargelegt.


Good Practice

Als Gute Praxis wird das Modell der Stadt Osnabrück beschrieben. Hier findet kommunale Bildungsplanung mit Unterstützung aller im Stadtrat vertretenen Parteien statt. Drei Maßnahmen waren für die praktische Umsetzung grundlegend wichtig:

  • es wurde ein Querschnittsreferat eingerichtet, in dem die Zuständigkeiten von Sozialplanung, Bildungsplanung und Jugendhilfeplanung zusammenlaufen.
  • das Referat hat Anfang dieses Jahres den Auftrag und die entsprechenden Haushaltsmittel zum Aufbau einer kommunalen Bildungsplanung bekommen, die es gemeinsam mit der Fachhochschule betreibt.
  • der Rat der Stadt hat den Beschluss zur Erstellung eines "Handlungsprogramms Integration und Bildung" gefasst, mit dem speziell die Belange der "Bildungsverlierer/innen" betrachtet und verfolgt werden sollten.

Noch leide die Situation darunter, dass viele Maßnahmen nicht als Teil eines größeren Plans, sondern als Ergebnis guter Ideen aus der Praxis entwickelt wurden. Inhaltlich aber geht es beim Osnabrücker kommunalen Bildungsplan um die Realisierung des Rechts auf Bildung sowie eine bessere Ausschöpfung des Bildungspotenzials von Kindern und Jugendlichen, unabhängig von sozialer, ethnischer oder anderer Herkunft. Aus der sehr konkreten Einzelsituation lässt sich nicht immer die Bedeutung von Praxismaßnahmen abschätzen.
Dies soll mittels folgender Instrumente erreicht werden:

  • quantitativ-qualitative Erhebung zur Bildungslandschaft inklusive Konzeption und Aufbau eines IT-basierten Informationssystem ("Bildungsatlas").
  • Untersuchung zum Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen.
  • Untersuchung zum Übergang von den Kindergärten und Kindertagesstätten in die Grundschulen.
  • Untersuchung zum Übergang von den allgemeinbildenden Schulen in die berufsbildenden Schulen.


Internationale Beispiele für lokale Bildungsplanung

Mit internationalen Beispielen des "Lernens in Nachbarschaften" wird anhand der niederländischen "Vensterscholen" und der britischen "Extended Schols" dargelegt, wie Netzwerke von Schulen und weiteren Institutionen funktionieren können.

In Anlehnung an eine afrikanische Weisheit formuliert Sabine Knauer als Kernaussage für regionale Bildungslandschaften:
"Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen!"

Letzte Änderung: 23.05.2011 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

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Erstellt am: 21.11.2007 Kommentare hinzufügen »

 
 
 

Veröffentlichung

Bildungslandschaften in gemeinschaftlicher Verantwortung gestalten. Grundsatzfragen und Praxisbeispiele. Hrsg.: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gGmbH

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Weitere Informationen

Zwölfter Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (PDF, 6 MB)