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Von Walter Würfel
Bereits in den 90er Jahren hat sich ein "Maßnahmedschungel" bzw. ein "Parallelsystem" im Übergang von der Schule in den Beruf herausgebildet. Doch statt einer Bereinigung, z.B. durch die unterschiedlichen "strukturbildenden Initiativen", die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, ist das Gegenteil eingetreten: Die Vielzahl der Förderinstrumente und -programme ist noch unübersichtlicher geworden.
Alle Maßnahmen des Übergangssystems haben - mit unterschiedlichen Nuancen - das Ziel, den Jugendlichen berufliche und soziale Integration in diese Gesellschaft zu ermöglichen - sei es, indem sie die Herstellung von "Ausbildungsreife" fördern, soziale Kompetenzen und grundlegende Fähigkeiten der Lebensbewältigung vermitteln, sozialpädagogische Hilfen bereitstellen oder schulische Defizite beheben helfen.
Die Jugendlichen, die in diesen Maßnahmen "aufgefangen" werden, haben eines gemeinsam: Sie konnten nach Verlassen der Schule nicht in das Regelsystem einer dualen Berufsausbildung oder einer schulischen Berufsausbildung einmünden. Teilweise haben sie gar keinen Zugang mehr zu Institutionen wie Schulen oder Berufsberatung. Es gehören aber auch Jugendliche dazu, die nur wegen der (zwar mittlerweile besseren, aber immer noch) angespannten Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt keine Ausbildungsstelle gefunden haben.
Unübersichtlichkeit und fehlende Koordination
Dramatisch ist dabei die Tatsache, dass mittlerweile die Zahl der Jugendlichen, die nach der Schule in dieses Übergangssystem münden, größer ist als die Zahl derjenigen, die im "Regelsystem" eine duale oder andere Berufsausbildung aufnehmen oder sich für einen weiterführenden Schulbesuch entscheiden. Dramatisch ist meiner Auffassung nach aber noch etwas andres: Die Vielfalt, die Unübersichtlichkeit und die fehlende Koordination der Programme und Instrumente macht es oft schwer, angemessene Unterstützungsangebote für bestimmte Problemlagen zu finden.
Anfang des Jahrtausends kam der PISA-Schock und in der Folge die kritische Diskussion über unser Schul- und Bildungssystem, das soziale Ungleichheiten tendenziell zementiert, außerdem die Krise auf dem Ausbildungsstellenmarkt mit der Diskussion über Ausbildungsreife und Beschäftigungsfähigkeit von jugendlichen Schulabgängerinnen und -abgängern. Dies und viele andere Entwicklungen, nicht zuletzt die Einführung des Sozialgesetzbuches II, mit "Hartz IV" und der Grundsicherung für Erwerbsfähige, haben dazu geführt, dass sich die verschiedenen Institutionen, die sich mit Jugendlichen beschäftigen, mit ihrem Engagement verstärkt eingebracht haben - eine uneingeschränkt positive Entwicklung.
Viele Köche in Bund, Ländern und Kommunen
Deutlich wird das Problem, wenn man die Institutionen, die für Jugendliche in der Lebenslage des Übergangs Schule-Berufsausbildung/Berufstätigkeit zuständig sind, aufzählt. Auf der Bundesebene sind dies allein drei Ministerien: das Jugendministerium, das Bildungsministerium, das Arbeitsministerium. Daneben als Institution, die auch eigene Förderprogramme entwickelt und vergibt, die Bundesagentur für Arbeit.
Auf der Länderebene sind dies die Kultusministerien als für die Bildung zuständige Ministerien, aber auch die Sozial- beziehungsweise Wirtschaftsministerien. Landesjugendämter (soweit es sie noch gibt) gehören auch dazu.
Auf der kommunalen Ebene haben wir die Jugendämter, die Arbeitsagenturen und/oder die ARGEn/ JobCenter, die Schulämter und die Jugendämter, teilweise Arbeitskreise für Wirtschaftsförderung - die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.
Alle diese Institutionen entwickeln ihrerseits wiederum Förderinstrumente und Programme für die oben benannten Zielgruppen, die da heißen: "Kompetenzagenturen" oder "Zweite Chance"; es gibt Programme für so genannte Schulmüde und Schulverweigerer; Programme der Schulsozialarbeit an Schulen, Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, Berufsvorbereitungs-, Berufsgrundbildungsjahr als schulische Angebote, Programme wie "Jugendhilfe und Schule" der Kommunen; Berufseinstiegsbegleitung, Vertiefte Berufsorientierung durch die Bundesagentur an den Schulen; "Perspektive Berufsabschluss" zur Nachqualifizierung und zum Regionalen Übergangsmanagement; Aktivierungshilfen; Ausbildungsmanagement; Eingliederungsqualifizierung für Jugendliche; Berufsausbildungsvorbereitung mit sozialpädagogischer Begleitung... Diese Aufzählung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr zeigt sie, dass der Maßnahmedschungel eher noch dichter und unübersichtlicher geworden ist.
Was muss passieren?
Um das "Förderdickicht" zu lichten und vom Gestrüpp zu befreien, müssen zunächst verschiedene Rahmenbedinungen, die entscheidend die pädgogische Arbeit bestimmen - verändert werden: Die Schnittstellen an den Leistungs- und Ordnungsgesetzen SGB II, III, VIII, IX müssen dringend geklärt werden, damit Jugendliche die richtige Förderung finden. Die genannten Gesetze haben unterschiedliche Zielsetzungen und unterschiedliche Förderphilosophien, beispielsweise das SGB III (Arbeitsförderung) und das SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz).
Die Kooperation in den lokalen und regionalen Netzwerken muss verstärkt, teilweise erst entwickelt werden. Die Institutionen, die vor Ort mit den Jugendlichen zu tun haben (Schule/Schulamt; Jugendamt; Arbeitsagentur/ARGE/JobCenter, Berufsschulen und andere) müssen strukturierte und dauerhafte Kooperationsbeziehungen aufbauen mit dem Ziel, dass Jugendliche zwischen Schule und Berufsausbildung möglichst nur noch eine Anlaufstelle haben.
Gemeinsames Integrationskonzept
Dringend muss geklärt werden, wer die (Haupt-)Verantwortung trägt und damit "den Hut auf hat" - "kommunale Bildungslandschaften" sind hier zu einem Begriff geworden. Letztlich geht es darum, die vorhandenen Fördermittel zielgerichtet und effektiv einzusetzen, im Interesse der Jugendlichen, die einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz suchen. Notwendig wäre, dazu - unter Einbeziehung aller Beteiligten - ein gemeinsam getragenes berufsbildungspolitisches Integrationskonzept für Jugendliche zu entwickeln.
Aufgabe der Bildungsträger ist es dabei, Vorschläge für eine Vereinheitlichung zu machen, Konzepte zu entwickeln und vor allem die Kooperation der Akteure zu befördern - den Dschungel wirklich lichten kann eigentlich nur die Politik und der Gesetzgeber.
Erstellt am: 04.03.2009
Erstellt am: 04.03.2009 eMail-direkt » Seite empfehlen »
Gerhard Bonifer-Dörr am 05.03.2009 20:44
Lieber Walter,
du sprichst ein Problem an, an dem wir uns als Akteurinnen und Akteure in der Jugendberufshilfe und beruflichen Integrationsförderung seit Jahrzehnten abarbeiten, mit bisher - meist - mäßigem Erfolg. Ich möchte nur erinnern an Programme aus den 1980er Jahren wie die "Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit" im Rahmen des Bundesjugendplans. Damals habe ich unmittelbar und praktisch an der Installierung lokaler und regionaler Netzwerke als Mitarbeiter und Projektentwickler einer Jugendberatungsstelle mitwirken können. ..., um dann Jahre später Mitte der 1990er Jahre aus der Perspektive der Fortbildung und Forschung erleben zu müssen, wie lokale und regionale Netzwerke zerschlagen wurden, weil Entscheider/innen und politisch Verantwortliche meinten, der "Markt" müsse "aufgemischt" werden und verkrustete Strukturen müssten aufgebrochen werden. Nichts gegen Innovationen und nichts dagegen, das Bestehende immer auch auf den Prüfstand zu stellen! Die effiziente und effektive Förderung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen lebt davon, dass das Postulat der kontinuierlichen Verbesserung nicht auf dem Papier steht, sondern ernsthaft auf allen Ebenen verfolgt wird. Aber bitte mit Augenmaß und aus dem Blickwinkel des größtmöglichen Nutzens für den "Endverbraucher", die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Übergang Schule-Beruf nämlich und nicht mit einer "Programmitis". Dieses Mittel ist untauglich. Der Beweis wurde tausendfach erbracht.
Und es tritt immer stärker eine weitere Problemlage zu Tage. Die Einrichtungen der Jugendberufshilfe und der Ausbildungsmaßnahmen von Berufsvorbereitung bis Übergangshilfen scheinen mir aktuell und zunehmend an einer weiteren "Krankheit", der "Dokumenteritis", zu leiden. Wie beschrieb es mir eine Einrichtungsleiterin erst vor wenigen Tagen am Telefon? Sie sagte: "Ich stehe vor der Frage, weiter mit meinen Lieben (Sie meinte ihre Klientel, die Jugendlichen) zu arbeiten oder nur noch über sie zu schreiben." Eine ernüchternde Zwischenbilanz und ein Hilferuf! Hier ist ebenso dringend eine Therapie, ein Umsteuern im System angesagt. Nichts gegen Zieldefinitionen und Wirkungsmessungen und schon garnichts gegen Eigen- und Fremdevaluation! Aber mit dem gleichen Augenmaß und dem Blick auf das Notwendige und den Nutzen.
Gerhard Bonifer-Dörr, Geschäftsführer - heidelberger institut beruf und arbeit, hiba GmbH & Co. KG, Münster.
Martin Kositza am 10.03.2009 10:25
Der Beitrag zeigt die wesentlichen Schwachpunkte im System auf. Bei meiner täglichen Arbeit hier in Berlin sind die Unübersichtlichkeit und die fehlenden Strukturen ständig präsent. Jeder Bezirk hat eine eigene Struktur aufgebaut bzw. eben keine Struktur aufgebaut. Der eine Bezirk hat eine Jugendberatung, der andere Bezirk nicht. In einem Bezirk findet ein Austausch der Fachleute z.B. im Rahmen einer AG nach § 78 SGB VIII statt, im nächsten gibt es nichts dergleichen. Dieses System ist für Fachleute unübersichtlich und führt zu Strukturen, die oftmals auch für die Jugendlichen wenig hilfreich sind. Es wird eigentlich erwartet, dass die Jugendlichen sich deutschlandweit um Ausbildung und Arbeit bemühen, ein niedrigschwelliges Beratungsangebot bekommt aber nicht jede/r angeboten. Das Problem ist, dass es für eine Steuerung oder gar ein einheitliches System wahrscheinlich eine Veränderung der föderalen Strukturen bedürfte und spätestens, wenn es darum geht Entscheidungskompetenzen abzugeben endet die Kooperationsbereitschaft vielerorts. Nichtsdestotrotz benötigen wir diese Veränderung, wenn wir Jugendlichen wirklich passgenaue Angebote machen bzw. die Palette der vorhandenen Angebote effektiv nutzen wollen. Wir brauchen, wie im Beitrag geschrieben, eine Stelle die die (Haupt-) Verantwortung trägt. Wir brauchen mehr Übersichtlichkeit bei den Maßnahmen und vor Ort eine Institution die entscheidet, ob und welche Hilfe im Einzelfall gebraucht wird.
M. Kositza, Sozialarbeiter, Berlin
Monika Käseberg am 27.03.2009 10:34
Das Problem ist weniger dass Bund, Länder und Agentur für Arbeit sich des Themas Übergang/Schule annehmen, sondern dass sie in ihren Programmen mit größtem Mißtrauen der regionalen Ebene gegenüber alle Aspekte bis ins kleinste Detail hinein durchregulieren möchten. Nicht das Ergebnis zählt, sondern das normgerechte Abwickeln der Programms a, b, oder c. Die Programme sind untereinander in der Regel nur schwer kombinierbar. So wie sich ferne Macher in Berlin oder Nürnberg die Welt vorstellen ,ist sie aber nicht. Das Programm 2. Chance in einem Flächenkreis umzusetzen, ergibt nur unter größter Verbiegenung der Richtlinien einen Sinn. Warum sollen Kompetenzagenturen, nachdem dies in der Modellphase erfolgreich in Kooperation mit Schulen erprobt wurde, aufeinmal nicht mehr mit diesen im Bereich der Prävention kooperieren. Wie kann es passieren dass erst "Erfahrung hat Zukunft" Menschen in die Schulen spült, dann die Berufseinstiegsbegleiter bei einem anderen Träger als neue Personen an die Schulen kommen, an denen sich auch Beratungsstellen, Jugendförderung, Schulsozialarbeit usw tummeln? Der Koordinationaufwand vor Ort, die zahlreichen (nach jeder Ausschreibung neuen) Menschen am Thema immer wieder auf den gleichen Stand zu bringen wird als vorhanden vorausgesetzt. Seit den 80iger Jahren ist in allen Modellen zur Jugenberufshilfe erwiesen worden, dass frühe Unterstützung, das "an die Hand nehmen" des Einzelfalls, erfolgreich ist. Nachhaltig ist dies nur, wenn die Arbeit ins Regelsystem integriert wird. Niemand aber will in die Regelsysteme (Schule, Berufsberatung, Jugendberatung/Förderung) dauerhaft die nötigen Ressorucen geben, die erfolgversprechend sind. Inhaltlich wäre es ein Klacksz.B an jeder Berufsschule in Kooperation mit freien Trägern, deren Personal und Know How z.B.eine Produktionsschule anzugliedern oder einen Übungsbetrieb, allein die Finanzierung bereitet Zuständigkeitsprobleme. Die einen dürfen nur solche mit lila Ohren förden, die anderen sind aber ausschließlich für die mit den karierten Röckchen zuständig. Gleichzeitig wird von lokalen Bildungslandschaften und regionaler Vernetzung gesprochen, die Programme aber sind so gestrickt, dass sie häufig regional/ lokal nicht beinflusst werden können. Wir alle, und auch die Programmentwickler/innen in Berlin, haben eigentlich in zahlreichen Managementseminaren gelernt, dass über Ziele und Zielvereinbarungen gesteuert wird, man aber die Verantwortung für die Umsetzung an die gibt, die es tun. Dokumentation, transparente Buchführung und Evaluation sind selbstverständlich, Warum wir mit jedem Programm eine neue Software für die Hilfeplandokumentation aufbauen müssen ist mir ein Rätsel, es müsste auch auf Bundesebene einleuchten dass eine Kreis oder eine Kommune das Übergangssystem nicht nur unter dem Programmfokus der vielleicht für 3 Jahre da ist betrachtet sondern breiter und längerfristiger die Entwicklungen auf dem Markt und bei den Zielgruppen beobachtet. Vielleicht sollte auch zur Kenntnis genommen werden, das regional tatsächlich Unterschiede bestehen und man mit der Definition von kleinkarierten Abfolgen die eine Region über-, die andere unterfordert ist. Wir haben in unserer Region bereits einen hohen Standard an Kooperation und Vernetzung, flankiert mit Vereinbarung und mit politischen Beschlüssen . Die derzeitigen Programmentwicklungen machen diese zur Farce, die lokale Agentur für Arbeit hat kaum Einfluss auf die Programmentwicklung, die Argen und Optierendne Kommunen erstarren in Papier und Verordnungen und haben ihre Programmarbeit nahezu eingestellt, das Kultusministerium treibt eine Sau nach der andern durch das Dorf und die Unternehmerverbände haben es immer schon gewusst und wenn die lokale Ebene etwas nicht will, dann probiert man es eben über die Staatskanzelei. Wir haben ein Qualitätsproblem, trotz gegenteiliger Lyrik wir sich nicht wirklich strukturell mit den Bedingungen des Übergangs beschäftigt, es mangelt keinesfalls am Geld, es ist die Institutionseitelkeit die produktive Veränderungen und Enwicklungen verhindert. Die lokale Regionale Ebene wäre sehr daran interessiert hier in eine produktiven Dialog zu treten, um zukünftig bei der Programmgestaltung etwas Zurückhaltung walten zu lassen. In Hessen ist OloV (trotz auch hier vorhandenem Sand im Getriebe) zumindest mal ein Anfang für eine neue Gesprächskultur zwischen den Akteuren.
Letzte Änderung: 07.12.2010 Kommentare hinzufügen »

Walter Würfel
Abteilungsleiter Berufliche Integrationsförderung/ Jugendsozialarbeit beim Internationalen Bund (Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit)
























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WEITERE INFORMATIONEN:
"Bildungsketten wirksam verknüpfen!" - Kommentar von Manfred Kremer, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung
(PDF, 138 KB)
Positionspapier:
"Förderung für Jugendliche optimieren - Schnittstellen zwischen den Rechtskreisen SGB II, III und VIII klären. Handlungsempfehlungen des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit."
(PDF, 508 KB)