Berufsorientierung

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Frischer Wind in der Berufsorientierung

Die Berufsorientierung nimmt Fahrt auf. Im Bund, in den Ländern und Regionen entsteht eine Vielzahl  neuer Programme, Projekte und Initiativen, die dazu beitragen, die Qualität der Berufsorientierung vorwärts zu bringen. Eine bundesweite Fachtagung in Kiel präsentierte zahlreiche interessante und innovative Konzepte und zeigte auf, in welche Richtung die Fahrt geht.

Unter dem Motto: "Berufsorientierung - Konzepte, Strategien, Entwicklungstendenzen hatte die Länderarbeitsgruppe "Abschluss und Anschluss" im Rahmen der Qualifizierungsoffensive für Deutschland gemeinsam mit dem Bildungsministerium Schleswig-Holstein, dem BMBF und der Bundesagentur für Arbeit eingeladen. Die Veranstalter wollten insbesondere den Ländern eine Gelegenheit bieten, ihre Aktivitäten vorzustellen, einen fachlichen Austausch fördern und Transparenz in die vielfältigen Ansätze bringen.

Vertreterinnen und Vertreter aller 16 Bundesländer, der Bundes, aus Kommunen und von Stiftungen boten und diskutierten ein breites Spektrum an Konzepten.

Erweitertes Verständnis von Berufsorientierung

Durch die Impulsreferate, den Markt der Möglichkeiten und die Fachforen zog sich wie ein roter Faden ein erweitertes Verständnis von Berufsorientierung. Die Zeiten, in denen Berufsorientierung an den Schulen aus einem BIZ-Besuch, einem Praktikum und einem Bewerbungsschreiben bestehen, gehören der Vergangenheit an. Schülerinnen und Schüler werden heute gezielt an die Arbeitswelt herangeführt und durch praktische Einsätze auf die Anforderungen der Berufe vorbereitet. Z. T. dienen Aktivitäten auch der Orientierung auf einen Beruf oder eine Branche, in der zukünftig ein hoher Fachkräftebedarf zu erwarten ist. Daneben muss die Jugendlichen sich selbst orientieren, sich zurecht finden, einen eigenen Standort bestimmen und einen Weg planen, der ihren Neigungen und Interessen entspricht.

Diese Auseinandersetzung ist umso wichtiger, als "Berufswahl" längst keine einmalige Entscheidung mehr darstellt, sondern junge Menschen heute Kompetenzen entwickeln müssen, um in immer neuen beruflichen Situationen zu bestehen und auch wechselhafte Erwerbsbiografien zu bewältigen. Viele Verantwortliche betonten daher, dass Berufsorientierung  beide Seiten berücksichtigen muss: auf der einen die Person mit ihren Interessen und Wünschen, ihrem Wissen und Können, auf der anderen die Möglichkeiten, Bedarfe und Anforderungen der Arbeits- und Berufswelt. Beide Seiten passen sich in einem lebenslangen Prozess immer wieder aneinander an und stimmen sich ab (vgl. SWA-Glossar).

Entwicklungsstrategien

Im Vorfeld der Tagung hatten die INBAS GmbH, die die Tagung durchführte, und das Deutsche Jugendinstitut eine Bestandsaufnahme zu vorhandenen Projekten und Programmen erstellt. Dabei hatten sich gemeinsame Entwicklungslinien abgezeichnet, die in sieben Fachforen vorgestellt wurden. 

Das erste Forum "Kompetenzfeststellung und Entwicklung"  zeigte Ansätze der Kompetenzfeststellung in der Schule, die sich an Qualitätsstandards wie Kompetenzansatz, Handlungsorientierung und systematischer Verhaltensbeobachtung ausrichten. So wird z. B. in Baden-Württemberg in den 7. Klassen der allgemein bildenden Schulen mit dem Profil-AC ein anspruchsvolles Instrument flächendeckend  eingesetzt, das gezielt zur individuellen Förderung dient. Das Kultusministerium finanziert die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer, zum späteren Zeitpunkt ist auch der Einbezug externer Partner geplant.

Praktisch arbeiten, tatsächlich produzieren oder Dienstleistungen erbringen - diese Ansätze standen im Mittelpunkt des zweiten Forums. Projekte mit dem Schwerpunkt "Produktion und Praxis" machen das produktive Lernen zum Ausgangspunkt des Lernens.  So wird in Mecklenburg-Vorpommern in einer zeitlich flexiblen Schulausgangsphase praktische Tätigkeit in den Unterricht integriert, und zwar als "gesellschaftliche Ernstsituation" in Betrieben und Institutionen (3 Tage pro Woche): in einer Tischlerei, in einem Gemüsegeschäft, bei einer Zeitung, in einem Krankenhaus, bei Amnesty International, beim Fernsehen oder wo sonst etwas gesellschaftlich "Ernstes" geschieht. Gemeinsam mit den sie beratenden Pädagoginnen und Pädagogen gestalten die Jugendlichen individuelle Curricula auf der Basis ihrer Tätigkeitserfahrungen; so können die individuellen Bildungsbedürfnisse der Jugendlichen berücksichtigt werden. Jeder Schüler bzw. jede Schülerin erhält eine individuelle Bildungsberatung. Die Pädagoginnen und Pädagogen werden für diese
Aufgabe geschult und bei ihrer Tätigkeit begleitet.

Dem Interesse, durch Berufsorientierung auch einen Beitrag zur Nachwuchssicherung zu leisten, widmete sich das dritte Forum. Arbeitgeberverbände und Berufsbildungseinrichtungen engagieren sich, um das Interesse Jugendlicher zu wecken, sie zu einer dualen Ausbildung zu motivieren und sie gezielt mit Anforderungen vertraut zu machen. Arbeitsmarktorientierte Ansätze verfolgt z. B. das Projekt Berufsstart Plus in Thüringen. Bei den Kammern angesiedelte Fachkräfte begleiten Jugendliche durch praxisorientierte und arbeitsmarktnahe Berufswahlvorbereitung in 11 möglichen Berufsfeldern, zum Angebot  gehören ein Assessmentcenter (AC) und verschiedene Berufsorientierungsbausteine. Darüber hinaus umfasst das Projekt aber auch Dienstleistungen für Schulen und für Betriebe, z. B. eine Vorauswahl von Bewerberinnen und Bewerbern, deren Ergebnisse aus dem AC  eine hohe Übereinstimmung mit den betrieblichen Anforderungsprofilen erkennen lassen.

Im vierten Forum ging es um Ansätze, die junge Menschen befähigen, ihre eigene Biografie zu gestalten. Insbesondere abschlussgefährdete Jugendliche werden unterstützt, berufliche und private Ziele zu entwickeln und diese auf dem Hintergrund wechselnder Anforderungen flexibel umzusetzen. Projekte wie das Handlungskonzept Schule & Arbeitswelt in Schleswig-Holstein stärken Jugendliche auf ihrem Weg in Arbeit und Gesellschaft. Das Handlungskonzept sieht individuelle und systemische Komponenten als zentrale Bestandteile der Berufsorientierung und verbindet die Handlungsfelder Coaching, Assessment/Potenzialanalyse, Berufsfelderprobung und Qualifizierungsbausteine mit dem Aufbau regionaler Netzwerke.

Einen zentralen Bestandteil vieler Berufsorientierungsangebote bilden unterschiedliche Formen von "Beratung und Begleitung", die im fünften Forum diskutiert wurden. Im Projekt BRAFO - Berufsauswahl Richtig Angehen Frühzeitig Orientieren - in Sachsen -Anhalt z. B. werden die Schülerinnen von externen sozialpädagogischen Kräften bei zwei Modulen begleitet: in der Klasse 7 findet eine Interessenerkundung in vier Berufsfeldern (Modul I) statt, in der Klasse 8 ein einwöchiges zusätzliches Betriebspraktikum (Modul II). Die Jugendlichen werden intensiv auf die Praxiseinsätze vorbereitet, so gehen dem Modul 1 eine Analyse der eigenen Interessen, Neigungen und Stärken sowie Schüler-, Lehrer- und Elterngespräche voraus. Die Praxiseinsätze werden begleitet und in Hinblick auf weitere Aktivitäten zur Berufsorientierung ausgewertet. Ergebnisse und Schlussfolgerungen für individuelle Entwicklungen werden mit Schülerinnen bzw. Schülern, Eltern und Lehrkräften kommuniziert.

Bei den meisten Projekten erweist sich die Schule als die Schaltstelle für eine gute Berufsorientierung. Wie es Schulen gelingt, über einzelne Bausteine hinaus systematische Konzepte zu entwickeln, das Personal zu  qualifizieren, Angebote externer Partner zu nutzen und sich in regionale, Netzwerke einzubinden, zeigte das sechste Forum "Schulqualität und Schulentwicklung". Im Berliner Programm zur vertieften Berufsorientierung - BVBO -  z. B. werden die Konzepte des Landesprogramms zur Berufsorientierung von Bildungsdienstleistern mit den Schulen gemeinsam entwickelt. An vielen Schulen finden regelmäßige Runde Tische statt, die dem schulinternen Austausch über die Berufsorientierung dienen. An diesen Runden sind die Schulleitungen, Teile des Kollegiums, die Bundesagentur für Arbeit sowie die außerschulischen Partner beteiligt. Ziel dieser Umsetzung des Landesprogramms ist die nachhaltige Wirkung, in allen beteiligten Schulen soll im Kollegium ein Verständnis und ein gemeinsames Schulkonzept zur Berufsorientierung verankert werden.

Zahlreiche Initiativen sind darauf ausgerichtet, Maßnahmen abzustimmen, Ressourcen zu bündeln und Doppelstrukturen zu vermeiden. Aspekte der "Koordination und Kooperation" standen im Fokus des Forums 7. In Hessen zielt z. B. die landesweite Strategie OloV der Optimierung lokaler Vermittlungsarbeit bei der Schaffung und Besetzung von Ausbildungsplätzen. Im Rahmen dieses Projekts wurden in Zusammenarbeit mit den Partnern des Hessischen Paktes für Ausbildung Qualitätsstandards entwickelt. Ein Teilbereich daraus bildet die Berufsorientierung. In jeder kreisfreien Stadt und in jedem Landkreis benennen die Ausbildungsmarkt-Akteure Regionale Koordinatorinnen und Koordinatoren, die Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben bei der Umsetzung der Qualitätsstandards übernehmen.


 

Erstellt am: 16.11.2009


 

 

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Bert Wollersheim, berufswahlnavigator.de am 19.11.2009 11:12

Berufsorientierung ist Teil eines ganzheitlichen Bildungsauftrages

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen sei gleich zu Anfang gesagt, dass die Bedeutung qualitativ hochwertiger Berufsorientierung nicht infrage steht. Seit Jahren engagiert sich www.berufswahlnavigator.de mit Beiträgen zur Berufsorientierung.
Dass die Berufsorientierung nun im politischen Focus steht darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen dass die Probleme leider allzu vieler jugendlicher Schulabgänger bei der Integration in die Arbeitswelt vielfältiger Natur sind.
Diese Probleme reichen von suboptimalen schulischen Bedingungen ( Lehrermangel, Stundenausfall, übervolle Klassen....) über familiäre/persönliche Problemlagen bis hin zu unzureichenden strukturellen Gegebenheiten ( regional unterschiedliche Arbeitsmarkt- und Wirtschaftstruktur, mangelhafte öffentliche Verkehrsmittel, unzureichende kulturelle und Freizeitangebote...)
Durch den derzeit vielfach an Aktionismus erinnernden Aufwand zur Berufsorientierung, insbesondere bei der vertieften Berufsorientierung durch zum Teil kaum qualifizierte, privatwirtschaftlich organisierte Bildungsträger dürften in erster Linie sich regional abzeichnende Rekrutierungsprobleme der Wirtschaft gelöst werden.
Ein entscheidender Beitrag für Schulabgänger die eigene Biografie zu gestalten ist das nicht.
Dafür ist es notwendig, die Berufsorientierung als Teil eines ganzheitlichen Bildungsauftrages zu begreifen.

Petra Lippegaus-Grünau (GPC) am 23.11.2009 16:22

Kritisch betrachtet konnte man in den letzten Jahren tatsächlich zunächst den Eindruck bekommen, dass neue Programme und Projekte der Berufsorientierung wie Pilze aus dem Boden schießen - viele gute neue oder nicht ganz so neue Ideen, aber häufig bruchstückhaft, z. T. interessengeleitet, meistens nebeneinanderher und ohne gemeinsame Linie.

Aus meiner Sicht entsteht aber - daneben oder daraus - derzeit eine "neue Generation" von Programmen und Projekten. Diese neue Generation legt Berufsorientierung breiter aus, nimmt die Situation der Jugendlichen wahr und macht sie zum Ausgangspunkt der Projekte. Probleme löst sie auch durch strukturelle Verbesserungen. Nicht zuletzt durch die Möglichkeiten der erweiterten vertieften Berufsorientierung werden innovative Schulkonzepte entwickelt. Diese setzen auf neue Lernkulturen, beziehen sozialräumliche Partner ein und bieten auch Hilfen zur Biografiegestaltung. Beeindruckend auch die neuen landesweiten Strategien auf der Grundlage gemeinsamer Qualitätsstandards. Einzelbausteine sind - so der Eindruck aus Kiel - inzwischen eher die Ausnahme. Auch diese Projekte können aber ein sinnvoller Bestandteil sein in einem "ganzheitlichen Bildungskonzept". Dazu müssen sie mit anderen kooperieren und an einheitliche Qualitätsstandards gebunden werden. In vielen Projekten wird gerade das derzeit diskutiert. Mein Eindruck: Hier tut sich was.

Letzte Änderung: 15.12.2009


Logo der Tagung in Kiel


Flyer der Fachtagung in Kiel (PDF, 609 KB)


Die Dokumentation der Veranstaltung erscheint voraussichtlich Ende des Jahres.