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Von Stephanie Odenwald
"Ich schaffe es ja doch nie, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, also wozu lernen!" Es muss zu denken geben, wenn Jugendliche in allgemeinbildenden Schulen keine Perspektive sehen, sich als Versager fühlen, Hassgefühle entwickeln. Für diejenigen, die tatsächlich im so genannten "Übergangssystem" landen, werden nach Schätzungen zurzeit jährlich ca. 6 Milliarden Euro ausgegeben - mit einem mehr als fraglichen Erfolg. Welche Reformansätze können den Übergang für Jugendliche effizienter und erfolgreicher gestalten?
Nicht ausbildungsreif?
Ein gelingender Übergang von Schule in Ausbildung und/oder Arbeit ist eine Herausforderung hohen Ranges, mit Signalwirkung für die nachfolgenden Generationen. Derzeit werden etwa 25 Prozent der Jugendlichen als nicht ausbildungsreif stigmatisiert. Selbst wenn Ausbildungsplätze vorhanden sind, können sie nicht besetzt werden, klagen die Arbeitgeber.
Diese personalisierende Argumentation ist verantwortungslos und ethisch höchst angreifbar. Auch wenn die Lerndefizite der Jugendlichen ein Problem sind - allerdings ein lösbares - muss auf die vielfältigen Ursachen des Ausbildungsnotstandes hingewiesen werden: also gestiegene Anforderungen in Ausbildungsberufen, Wegfall einfacher Arbeitsplätze, zu geringes Angebot dualer Ausbildungsplätze, regionale branchenspezifische Betriebsschließungen und Arbeitsplatzabbau, industrielle Entleerung ganzer Regionen, konjunkturelle Krisen, etc. All dies trifft in seiner Wirkung insbesondere junge Menschen mit schlechtem oder fehlendem Schulabschluss und Jugendliche mit Migrationshintergrund.
Ineffizienz des Übergangssystems
Für diese Jugendlichen, die sich nicht ohne zusätzliche Hilfen ins System der beruflichen Bildung integrieren lassen, hat sich über Jahrzehnte ein Maßnahmendschungel entwickelt, für den die Bezeichnung "Übergangssystem" geradezu beschönigend ist. Ineffizienz, Unübersichtlichkeit, Stigmatisierung sind Symptome dieser Fehlentwicklung.
Mit einer Fülle unterschiedlicher Maßnahmen, deren Träger das Land, die Kommunen, die Bundesagentur für Arbeit, die Argen, der Bund sind, werden diverse Zielgruppen bedient. Diese unbefriedigende Situation ist in den letzten Jahren auf zahlreichen Veranstaltungen diskutiert worden und hat zu vielfältigen Initiativen geführt, den Übergang in Ausbildung zu verbessern.
Das "Hamburger Modell"
Besondere Aufmerksamkeit gilt zur Zeit dem "Hamburger Modell", das auch im Frühjahr 2010 im Hauptausschuss des BIBB sowie bei einer Veranstaltung von DGB/GEW zum Übergang Schule in Ausbildung vorgestellt wurde. Das Besondere am "Hamburger Modell" ist zum einen eine präventive bildungsbereichsübergreifende Orientierung nach dem Motto, dass es unsinnig ist, ein Scheitern beim Übergang Schule in Ausbildung in Kauf zu nehmen und dann erst zu intervenieren und zum anderen eine klare staatliche Verantwortung, dass alle Jugendlichen in Ausbildung gelangen. Wie unterstützenswert dieses Reformkonzept ist, muss sich daran beweisen, wie es gelingt, dass benachteiligte junge Menschen einen Ausbildungsabschluss erreichen.
Was ist zu tun?
Um Jugendlichen Warteschleifen zu ersparen, bedarf es eines Paradigmenwechsels im Sinne eines inklusiven Bildungs- und Ausbildungssystems, das den individuellen Lebenslagen, Bedürfnissen und Interessen der Jugendlichen Rechnung trägt. Der Leitgedanke ist: Benachteiligte Jugendliche dürfen nicht ausgegrenzt werden, sondern sind in Schule und Ausbildung so intensiv zu fördern, dass sie erfolgreich abschließen können. Um dies zu realisieren, ist ein durchgängiges Beratungs- und Begleitsystem zu schaffen, das in den allgemeinbildenden Schulen einsetzt und bis zum erfolgreichen Übergang in berufliche Ausbildung individuelle Unterstützung gewährleistet.
Im Zentrum steht die staatliche Verantwortung dafür, dass alle Jugendlichen in Ausbildung kommen, wenn möglich in dualer Form, ansonsten muss es ergänzende staatliche Angebote für Ausbildungsplätze geben. Erhalten nach durchlaufener Berufsorientierung Schülerinnen und Schüler kein betriebliches Angebot, wird ihnen ein öffentlich geförderter Ausbildungsplatz unter Beteiligung von Schule, Betrieb und außerschulischen Trägern angeboten.
Verpflichtung zur Kooperation
Um eine optimale individuelle Betreuung zu gewährleisten, ist Kooperation angesagt: Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Betrieben und Träger, Bundesagentur für Arbeit, Kommune. Zu überlegen ist, ob - wie zukünftig in Hamburg - bei der Berufsorientierung allgemeinbildende und berufsbildende Schulen eng zusammen arbeiten, da die Erfahrungen und Kenntnisse der Berufsschullehrer über das System der Ausbildung nicht nur berufsspezifische sind, sondern einer grundlegenden Orientierung dienen können.
Berufsorientierung, Berufsausbildungsvorbereitung und Berufsausbildung (oder Arbeit) werden in der Förderkette als zusammenhängendes System betrachtet, in dem die verschiedenen Partner zur Kooperation verpflichtet sind. Ein auf die regionalen Gegebenheiten abgestimmtes bildungsbereichübergreifendes Konzept zur Gestaltung des Übergangsprozesses ist zwischen den verschiedenen Akteuren abzustimmen.
Akteure benötigen Fortbildung
Für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Konzepts brauchen die beteiligten Akteure Fortbildung, um sich das erforderliche Know-how zur Förderung dieser Prozesse anzueignen. Eine prozessbegleitende Fortbildung müsste die Lehrerschaft auf allen hierarchischen Ebenen einbeziehen.
Das Hamburger "Rahmenkonzept für die Reform des Übergangssystems Schule - Beruf" wird hier vorgestellt.
Erstellt am: 16.07.2010 eMail-direkt » Seite empfehlen »
Gerhard Bonifer-Dörr, hiba GmbH & Co. KG am 29.07.2010 15:23
Unsere Erfahrungen beim heidelberger institut beruf und arbeit, hiba, aus über zwei Jahrzehnten Prozessbegleitung und Fortbildung der Fachkräfte in der beruflichen Integrationsförderung lässt uns die Schlussfolgerungen und Forderungen des Beitrags von Frau Odenwald nachdrücklich unterstützen. Sie sind nicht neu, aber wir beklagen seit Jahren ja auch kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit.
Kooperation braucht politische Lenkung und Steuerung, sie muss lokal und regional aber immer wieder von und zwischen den Akteur(inn)en neu errungen werden. Dabei ist es außerordentlich wichtig, die Akteurinnen und Akteure nicht alleine zu lassen, sondern die lokalen und regionalen Aushandlungsprozesse zu begleiten und für eine strukturell abgesicherte Nachhaltigkeit zu sorgen. Dort spätestens kommt die kommunale Zuständigkeit ins Spiel. Wenn Hamburg als Stadtstaat hier ein weiteres Mal Ernst macht, kann das Vorbildcharakter haben. Andere Ansätze, wie das ambitionierte OloV-Vorhaben in Hessen beispielsweise, sollen angesichts der mageren Budgets oft leider mit weniger zufrieden sein. Dort beschränkt sich die Wirkung dann auf den "Anstoss". Es kommt aber darauf an, den "Ball im Spiel" zu halten. Und die "Spieler/innen" müssen regelmäßig trainiert werden. Eine öffentliche und ressortübergreifende Förderung für eine kontinuierliche und gemeinsame Fortbildung aller Akteurinnen und Akteure, der Pädagog(inn)en der Bildungs- und Integrationsträger wie der aus den Schulen, ist deshalb unbedingt wünschenswert.
Letzte Änderung: 07.12.2010 Kommentare hinzufügen »

Stephanie Odenwald, Diplomsoziologin und Diplomhandelslehrerin, über 20 Jahre Berufsschullehrerin in Hamburg. Von 2002 bis 2005 Vorsitzende des GEW-Landesverbandes Hamburg, seither im Bundesvorstand der GEW, zuständig für Berufliche Bildung und Weiterbildung, unter anderem im Hauptausschuss des BIBB und im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.
























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Weniger ist Mehr - Jugendliche im Übergang zwischen Schule und Beruf. Handlungsvorschläge des DGB-Bundesvorstands
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