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Jugendliche zwischen Zuversicht und Resignation - Neue Anforderungen an Berufsorientierung und Ausbildung

Von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann

Der Übergang von der Schule in den Beruf verlangt jungen Leuten heute mehr individuelle Orientierung und mehr Leistungsvermögen ab als jemals zuvor. Während die "selbstbewussten Macherinnen und Macher" unter den Jugendlichen damit bestens umzugehen wissen, scheitern die sozial und schulisch Schwachen an der knallharten Leistungsgesellschaft. Damit diese Kluft nicht noch größer wird, benötigen gerade die Benachteiligten eine Neuausrichtung von Berufsorientierung und beruflicher Bildung, die ihrer realen Lebensperspektive gerecht wird.

Die Leistung macht den Unterschied: Ergebnisse der Shell Jugendstudien

Zu den wichtigsten Ergebnissen der letzten Shell Jugendstudien gehört die trotz schwieriger Ausgangsbedingungen auffällig pragmatische Grundstimmung bei der Mehrheit der Jugendlichen im Blick auf ihre persönliche Zukunft. Die gesellschaftliche, insbesondere wirtschaftliche Entwicklung wird von den Befragten als kritischer als in früheren Erhebungen eingestuft, die persönlichen Möglichkeiten zur Bewältigung dieser Situation durch individuelle Anstrengung und konzentrierte Lebensführung aber werden mehrheitlich dennoch positiv eingeschätzt. Diese erstaunlich positive Grundstimmung ergibt sich vor allem aus einer hohen schulischen Leistungsmotivation. Durch einen hohen Bildungsgrad wollen Jugendliche sich eine günstige Position im beruflichen Sektor erschließen. Sie spüren zugleich, wie schwierig für sie der Übergang in den Beruf geworden ist. Jugendlicher sein, das bedeutete in den letzten beiden Jahrzehnten, einen Lebensabschnitt zu durchlaufen, der scheinbar unendliche Offenheit der Lebensgestaltung mit sich bringt, aber keinerlei Garantie der Übernahme in den Beruf bietet. Jugendliche mussten sich zu Experten im Umgang mit Statusangst und Unsicherheit entwickeln. Jugendarbeitslosigkeit und Konjunkturprobleme sind ihnen voll bewusst.

Seit den 50er-Jahren gibt es einen ständigen Anstieg der Anteile von Schülerinnen und Schülern eines Jahrganges, die in anspruchsvolle weiterführende Schulformen übergehen. Der Anteil der Realschüler und Gymnasiasten an der gesamten Schülerschaft in Deutschland hat sich von 1960 bis heute verfünffacht. 1960 erwarben etwa sechs Prozent eines Jahrganges das Abitur, heute sind es etwa 35 Prozent. Ähnliches gilt für den mittleren Abschluss.

Parallel zu dieser Expansion von anspruchsvollen Bildungsgängen und ihren Abschlüssen ist der Arbeitsmarkt geschrumpft. Er ist heute durch harte Verdrängungswettbewerbe und einen hohe Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Damit findet nur ein Teil der jungen Generation den Einstieg in anspruchsvolle Berufslaufbahnen, während ein anderer Teil am Arbeitsmarkt abgewiesen wird.

Die soziale Herkunft, darunter auch der Zuwanderungshintergrund, entscheidet sehr stark darüber, wie erfolgreich Jugendliche in ihrer Schullaufbahn sind. Die hohe persönliche Zuversicht und die erklärte starke Leistungsmotivation einer Mehrheit der Jugendlichen bringt alle diejenigen in eine "Verliererposition", die in schulischer und beruflicher Ausbildung schlecht abschneiden und nach eigener Wahrnehmung nicht über das hohe Ausmaß von Selbstorganisation verfügen, das in der Leistungsgesellschaft gefragt und von ihren Altersgenossen vorexerziert wird.

Wie schon die internationale Vergleichsstudie PISA zeigen auch die Shell Jugendstudien ein sehr hohes Gefälle nach sozialer Herkunft im Blick auf Bildungsaspiration, Schulerfolg und persönlicher Zuversicht bei der Gestaltbarkeit der Zukunft. Es wird immer belastender, nicht zu der Gruppe der privilegierten Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zu gehören, die inzwischen schon knapp die Hälfte der jugendlichen Altersgruppe ausmacht. Es ist psychisch kaum erträglich, zu denen zu gehören, die mit den täglichen Lebensanforderungen nicht gut zu Recht kommen und sich aussichtsreiche Positionen im Wettbewerb versprechen können. Entsprechend prekär nehmen die etwa 20 Prozent der Jugendlichen ihre Lebenslage wahr, die in ungünstigen Schullaufbahnen stehen, ihren Schulabschluss nicht geschafft haben und schlechte Berufsperspektiven vor sich sehen. Unter ihnen sind auffällig viele junge Männer.

Vom Macher bis zur Randfigur: vier "Typen" von Jugendlichen

Es lassen sich vier Werte- und Mentalitätstypen von Jugendlichen unterscheiden, die auf die Unterschiede in den Kompetenzen zur Bewältigung der schwierigen Ausgangslage hinweisen:

  • Die Leistungselite der "selbstbewussten Macherinnen und Macher"

    Bei fast einem Drittel der Jugendlichen erleben die Werte Fleiß und Ehrgeiz, Macht und Einfluss sowie Sicherheit in dieser Gruppe eine Renaissance, sie gehen einher mit den Selbstverwirklichungswerten Kreativität, Unabhängigkeit, Lebensgenuss und Lebensstandard. Die aufstiegsorientierten "Macher" sind Nutzenkalkulierer, selbstbezogene und bedürfnisorientierte "Egotaktiker".
  • Die "pragmatischen Idealistinnen und Idealisten"

    Bei ebenfalls etwa einem Drittel der Jugendlichen (mehrheitlich Frauen) kommen humanistisch geprägte Motive für ein soziales Engagement ins Spiel, die sich vor allem auf jugendbezogene Themen in Freizeit und Schule richten, aber auch sozial bedürftige Gruppen mit einbeziehen. Die tonangebende Mentalität ist eine Mischung aus wacher Umweltwahrnehmung und beherztem Ergreifen von Chancen der Umweltgestaltung.
  • Die zögerlichen, skeptischen, resignierten und unauffälligen Jugendlichen

    Sie haben keinen vergleichbar großen Erfolg in Schule und Ausbildung, streben dennoch nach Lebensstandard und Macht, finden sich aber duldsam und durchaus tolerant mit ihrer gegenwärtigen Lebenslage ab. Diese Gruppe stellt etwa ein Fünftel der Jugendlichen, unter ihnen sind in der Mehrzahl junge Frauen.
  • Die erfolglosen "robusten Materialisten"

    Ebenfalls etwa 20 Prozent gehören zur vierten Gruppe, in der zahlenmäßig die jungen Männer überwiegen. Sie wollen Lebensstandard und einflussreiche Positionen mit Lebensgenuss verbinden, ihre leistungsmäßigen und sozialen Kompetenzen reichen hierfür aber bei weitem nicht aus. So kommen Verlierer- und Versagerängste auf, es zeigen sich Dispositionen für unkontrollierte Aggression und Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Diese Gruppe steht am Rande der Leistungsgesellschaft und wartet nur noch latent auf Angebote der Integration.


Begehrt oder ausgeschlossen? Die Jugendlichen und der Arbeitsmarkt

Jede Schule und jedes Unternehmen muss heute Interesse daran haben, die selbstbewussten Macherinnen und Macher als die "Leistungselite" und die künftigen Karriereträger für sich zu gewinnen. Die jungen Männer und Frauen lassen es sich gerne gefallen. Dass sie zur Durchsetzung ihrer selbstorientierte Strategien auch gerne die Ellenbogen einsetzen, sehen die Unternehmen offenbar gern, diese Werthaltung ist sehr begehrt. Insgesamt aber sollte diese Gruppe stärker auf soziale Verantwortung und gemeinschaftliche Verpflichtung angesprochen werden.

Angehörige des zweiten Werte- und Mentalitätstyps, die pragmatischen Idealistinnen und Idealisten, sind mindestens ebenso interessant. Diese Jugendlichen haben das gleiche Leistungspotenzial, gleichzeitig aber setzen sie sich aktiv für eine Humanisierung von Lebensbedingungen ein. Sie sind in der Lage, über den Tellerrand ihrer unmittelbaren Interessen hinauszuschauen. Diese Gruppe der jungen Generation hat es verdient, intensiv umworben zu werden. Sie sind lange nicht so stark in Gefahr wie die Macher, in eine selbstverliebte und arrogante Position zurückzufallen.

Die dritte Gruppe der Skeptiker und Unauffälligen ist anpassungsbereit und lässt sich für pragmatische und aussichtsreiche Angebote in Ausbildung und Beruf gewinnen. Allerdings müssen diese Jugendlichen direkt angesprochen werden, sie benötigen die beharrlich ausgestreckte Hand. Sie brauchen hierbei eine aktive Unterstützung und Beratung. In den nächsten Jahren muss diese Gruppe viel stärker umworben werden als bisher, denn nach demografischen Hochrechnungen ist ja mit einer deutlichen Verknappung des Nachwuchses am Ausbildungs- und Berufsmarkt zu rechnen. Dann sind diese Skeptikerinnen und Skeptiker möglicherweise die neue "Begabungsreserve". Sie brauchen anschauliche und sehr persönliche Hilfen bei der Berufsorientierung.

Jede dieser Gruppen braucht künftig eine zielgenaue Ansprache. Die vierte Gruppe, die robusten, materialistisch orientierten Enttäuschten, sind am schwersten anzusprechen und nur mit Mühe für Ausbildung und Beruf zu gewinnen. Diese Jugendlichen sind durch ihr niedriges Niveau von Leistungsfähigkeit und schulischer Abschlusskompetenz gekennzeichnet. Viele von ihnen haben sich in der Schule früh aufgegeben. Nicht nur im fachlichen, sondern auch im sozialen und persönlichen Bereich sind diese Jugendlichen weit zurück. Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Freundlichkeit, Höflichkeit, Kontaktfähigkeit und Toleranz sind niedrig, und bei den persönlichen Kompetenzen zeigen sich leider allzu oft Unzuverlässigkeit, geringe Lern- und Leistungsbereitschaft, niedrige Ausdauer, wenig Durchhaltevermögen und Belastbarkeit, unzureichende Sorgalt und Gewissenhaftigkeit, geringe Verantwortungsbereitschaft und Selbstständigkeit sowie ein unzureichendes Maß an Kreativität, Flexibilität und Selbstkritik.

Wertschätzung und genaue Analyse: Konsequenzen für Berufsorientierung und Ausbildung

Alle Jugendlichen aus allen vier Gruppen, auch die schwachen, bringen Potenziale mit, die genau identifiziert werden müssen. Die diagnostischen Instrumente zur Erfassung der Kompetenzprofile müssen deshalb dringend ausgebaut werden. Wichtig ist außerdem, die reale Lebensperspektive der jungen Leute zu beachten und ihnen nicht zu früh eine konkrete Berufsfestlegung schon während der Schulzeit aufzudrängen. Vielmehr sollten sich die Angebote auf Selbstfindung und Stärken- und Schwächenanalysen konzentrieren. Das haben vor allem die Benachteiligten nötig.

Sowohl die Schule als auch die berufliche Ausbildungseinrichtung muss ihre jugendlichen Klienten mögen und diese Wertschätzung in ihrer gesamten Organisationskultur zum Ausdruck bringen. Alle Jugendlichen benötigen eine Bildung und Ausbildung, die sie mit allen ihren Erfahrungen und Gegebenheiten annimmt. Schulisches und berufliches Lernen ist im Idealfall ein Prozess, der enorme Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung mit sich bringt, weil er eine elementare Bestätigung und eine Erschließung neuer Welten mit sich bringt. Das Lernen kann aber unter ungünstigen Bedingungen eine Belastung und Beeinträchtigung der weiteren Persönlichkeitsentwicklung bedeuten. Schülerinnen und Schüler, die sich kompetent fühlen und sich in der Schule oder im Betrieb wohl fühlen, sind auch gegen die Folgen von Anforderungsstress gut geschützt.

Wir brauchen Bildungseinrichtungen, die kompetent, sensibel und liebevoll auf die Bedürfnisse und die Lebenslage der Jugendlichen eingehen. Das ist nur möglich, wenn jeder einzelnen Schule und jeder Berufsbildungsstätte die notwendige Selbstständigkeit eingeräumt wird, um auf die Anforderungen zu reagieren, die sich durch ihre spezifische Klientel ergeben. Die Bildungseinrichtungen brauchen dazu eine finanzielle Budgetsicherheit, die weitgehende Autonomie bei der Zusammensetzung ihres Fachkollegiums und die entsprechende Freiheit der Definition ihres pädagogischen Arbeitsprogramms sowie ihrer didaktischen Konzeption und Förderphilosophie.

Für die künftige Ausrichtung der Berufsorientierung scheint es mir wichtig, Verbindungen zwischen den beiden auseinander gedrifteten Lebenswelten Bildungssystem und Berufssystem herzustellen - durch Besuche von Schülern und Lehrern in der Berufspraxis, aber auch von Unternehmensvertretern in der Schule. Berufspraktika und Schülerfirmen, aber auch das Berufsorientierungsprogramm des BMBF stehen beispielhaft für eine solche Strategie. Je mehr schon während der Schulzeit Lebenskompetenzen direkt erlernt und produktiv eingesetzt werden, desto mehr kommt es der Mentalität der heutigen Generation entgegen.

Erstellt am: 26.07.2011 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

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Letzte Änderung: 02.07.2014 Kommentare hinzufügen »

 
 
 

Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann ist Soziologe mit Schwerpunkt auf den Bereichen Gesundheits- und Bildungspolitik. Seit 1979 lehrt er an der Universität Bielefeld, seit seiner Emeritierung am 1. März 2009 arbeitet er auch als Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.