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Assistierte Ausbildung: neue Impulse für die Berufsbildung

"Gemeinsam Zukunftschancen sichern - neue Formen kooperativer Ausbildung" - unter diesem Motto stand ein Expertenworkshop, den das Good Practice Center  des BIBB und der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit am 10. Dezember 2012 gemeinsam durchführten. Im Mittelpunkt stand die sogenannte "assistierte Ausbildung", die die betriebliche Berufsausbildung um Vorbereitungs- und Unterstützungsangebote ergänzt. Über Gestaltungs- und Umsetzungsmöglichkeiten diskutierten Bildungsträger, Vertreter/innen von Verbänden, Wirtschaft, Stiftungen, Politik und Verwaltung.

Der Hintergrund: Brüche am Ausbildungsmarkt

Trotz des demografischen Wandels und des immer spürbarer werdenden Fachkräftemangels bleiben viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, sie erfüllen die hohen Anforderungen der Betriebe an das Leistungs- und Persönlichkeitsprofil ihrer Auszubildenden nicht. Die Betriebe haben sich durch die Jahre hoher Bewerberüberschüsse an hohe Maßstäbe für ihre Personalentscheidungen gewöhnt, schwächere Jugendliche gelten als nicht "ausbildungsreif". In vielen Regionen zeigt sich, dass große Betriebe die Jugendlichen mit besseren Voraussetzungen "abfischen". Übrig bleiben - zugespitzt formuliert - Klein- und Mittelbetriebe auf der einen und Jugendliche mit Förderbedarf auf der anderen Seite. Für eine Unterstützung, erst recht, wenn sie über Nachhilfe oder Prüfungsvorbereitung hinausgeht, fühlen sich vor allem kleine Betriebe nicht zuständig und auch nicht gewappnet. Viele Betriebe weisen nicht die Ressourcen und Kapazitäten auf, um überhaupt noch selbst auszubilden.
In den vergangenen Jahren wurden Jugendliche mit ungünstigen Startchancen unter dem Etikett "Benachteiligte" häufig in Sondersysteme verdrängt: in außerbetriebliche Ausbildung oder in Maßnahmen des Übergangsbereichs. Mit Konzepten, die Berufspädagogik mit sozialpädagogischen Denk- und Handlungsweisen verbanden, gelang es hier vielfach, Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zum Ausbildungserfolg zu führen. Gleichzeitig waren diese Sondersysteme aber mit Ausgrenzung und oft unnötigen Umwegen verbunden, längst nicht immer waren Anschlüsse in Ausbildung gesichert - dieser Weg wird zunehmend als Vergeudung wichtiger Potenziale und Talente kritisiert.

Die assistierte Ausbildung als Brücke zwischen Betrieben und Jugendlichen

Eine Brücke zwischen den Bedarfen der Betriebe und den Voraussetzungen ganz unterschiedlicher Jugendlicher baut die assistierte Ausbildung. Die Idee besteht darin, die duale Ausbildung um einen dritten Partner zu erweitern, der beiden Seiten Unterstützung anbietet. Bildungsträger übernehmen hier eine ganz neue Rolle, sie werden zum Dienstleister für den Betrieb wie für die Auszubildenden. Die Betriebe profitieren z. B. von Hilfen bei der Bewerberauswahl und der Ausbildungsorganisation, sie werden qualifiziert für den pädagogischen Umgang mit Jugendlichen, mit denen sie bisher ggf. nicht zurecht gekommen wären und können nach Bedarf auf Beratung und Begleitung zurückgreifen. Die Jugendlichen bereiten sich gezielt auf ihren Ausbildungsberuf und ihren Betrieb vor, in der Ausbildung erhalten sie genau die Unterstützung, die im Einzelfall notwendig ist. Dazu gehört auch, die Ausbildungsstrukturen flexibel zu gestalten, z. B. wenn eine junge Mutter eine Teilzeitausbildung braucht. 

Assistierte Ausbildungen gelten in vielen Reformvorschlägen als ein Modell der Zukunft. Kein Wunder, bieten die Konzepte doch Antworten auf viele aktuelle Herausforderungen: sie sichern Fachkräfte, sie fördern Jugendliche, die sonst ohne Ausbildung bleiben - und das im Regelsystem der betrieblichen Ausbildung. Damit tragen sie zur Inklusion ebenso bei wie zur Vermeidung unnötiger Kosten.

Anlass genug, sich verschiedene Modelle einmal anzusehen und Erkenntnisse und Erfahrungen mit Expertinnen und Experten zu diskutieren. Der Expertenworkshop, zu dem das Good Practice Center und der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit nach Bonn eingeladen hatte, brachte ganz unterschiedliche Personen und Institutionen ins Gespräch: Vertreter/innen aus den Ministerien für Bildung, für Arbeit und für Jugend, der Bundesagentur für Arbeit, Bildungsträger, Wissenschaftler/innen, Wirtschaftsverbände, Stiftungen der Parteien, Bildungsträger und Vertreter/innen des Kooperationsverbunds Jugendsozialarbeit und des BIBB.

Eine Idee mit verschiedenen Umsetzungen

Beim GPC-Expertenworkshop präsentierten sich Projekte, die eine gemeinsame Grundidee aufweisen, aber auch eine große Spannbreite unterschiedlicher Ansätze. Eine gemeinsame Klammer bildet der Rollenwandel vom Bildungsträger zum Bildungsdienstleister für Jugendliche und Unternehmen. Alle verbindet die konzeptionelle Idee, durch neue "triale" Kooperationsformen Sonderwege aufzugeben und zu individuellen Lösungen zu gelangen. Diese sollen auf gewachsenen Vertrauensverhältnissen basieren und individuelle Gestaltungsspielräume bieten. Unterschiede zeigen sich im Fokus auf die Adressaten, hier stehen mal eher die Betriebe, mal stärker die Jugendlichen im Vordergrund, gemeint sind häufig spezifische Zielgruppen. Die Finanzierungsgrundlagen reichen von arbeitsmarktpolitischen Fördergeldern, Landesgeldern und Mittel des ESF bis hin zu kommunalen Geldern, angestrebt wird auch eine Beteiligung der Betriebe selbst.

  • Im Wuppermann Bildungswerk in Leverkusen orientiert sich die "Auftragsausbildung" am betrieblichen Interesse. Im Auftrag der regionalen Metall und Elektrounternehmen  übernimmt die GmbH Teile der Ausbildung bis hin zur kompletten Ausbildung, so kann die Ausbildung individuell und flexibel gestaltet werden. Das Modell, das bislang vor allem für "marktfähige" Jugendliche genutzt wird, eignet sich - so Joachim Pfingst, Geschäftsführer des Wuppermann Bildungswerks - hervorragend auch für die Förderung  junger Menschen mit Unterstützungsbedarf, insbesondere wenn erfahrene Träger auf qualifiziertes Personal, Angebote und Erfahrungen aus der "Benachteiligtenförderung" zurückgreifen und diese in die duale Ausbildung übertragen. Die Erfahrungen zeigen, dass Betriebe bereit sind, sich ggf. auf ein solches Modell einlassen, die Frage der Kosten für Zusatzangebote wie sozialpädagogische Betreuung aber noch zu klären ist. 
  • Das Projekt Carpo - eine klassische assistierte Ausbildung - dagegen zielt vor allem auf die Teilhabe unterschiedlicher Jugendlicher am normalen Ausbildungssystem und wendet sich an Zielgruppen  wie Altbewerber/innen, junge Eltern, Jugendliche mit genderuntypischen beruflichen Interessen und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Großen Wert legt das Konzept auf die individuelle und vor allem kontinuierliche Betreuung der Jugendlichen in einer sechs  bis neun  Monate langen Vorbereitungsphase sowie während der kompletten Ausbildung. Ralf Nuglisch vom Paritätischen Stuttgart ordnet die assistierte Ausbildung zwischen einer betrieblichen und einer außerbetrieblichen Ausbildung ein und betont als Kennzeichen den Ausbildungsvertrag mit dem Betrieb, die betriebliche Ausbildungsvergütung, die Kooperationsvereinbarung zwischen Betrieb und Träger sowie die Dienstleistungen für Jugendliche wie für den Betrieb. Er legt besonderen Wert auf die hohe Individualität in der Betreuungsleistung,  je nach den unterschiedlichen Bedürfnissen. Carpo blickt auf eine längere Entwicklungsgeschichte zurück. Das Modell wird in Baden-Württemberg an zahlreichen Standorten umgesetzt und befindet sich auf dem Weg von der Maßnahme zur Normalität.
  • Aus Rüsselsheim kommt die begleitete Ausbildung des AVM, ein Projekt im Rahmen der Ausbildungsinitiative der Stadt Rüsselsheim und der Ausbildungsoffensive des Kreises Groß-Gerau. Mit kommunalen Mitteln wird eine Begleitstruktur finanziert.  Das Projekt setzt bereits in der Schule an und kooperiert eng mit der Berufswegeplanung und der Schulsozialarbeit. Die Auszubildenden bekommen bei Bedarf sozialpädagogische und/oder fachbezogene Unterstützung, betriebliche Ausbilder/innen erhalten Beratung z. B. bei Konflikten, Lehrkräfte der Berufsschule werden einbezogen. Gerhard Franke von der der AVM gGmbH blickt auf 14 Jahre Erfahrung  mit gutem Erfolg zurück: 90 % der Auszubildenden werden übernommen. Der Schwerpunkt liegt heute im Handwerk.


Auch im Rahmen der BIBB-Modellversuchsreihe  "Neue Wege in die duale Ausbildung - Heterogenität als Chance für die Fachkräftesicherung" werden neben anderen Ansätzen assistierte Ausbildungen erprobt. IN VIA Deutschland baut mit dem Projekt "Erfolgreich gemeinsam ausbilden (Efa)" an drei Standorten assistierte Ausbildungen auf, um die Chancen dieses neuen Modells  zu nutzen. Beide Ansätze wurden im Rahmen der Fachtagung vorgestellt.

Notwendige Klärungen

Die angeregte Diskussion spiegelte ein großes Interesse an diesen neuen Modellen - sowohl von Bildungsträgern als auch von den vertretenen Verbänden des Handwerks und anderen Fachleuten. Sie zeigte gleichzeitig, dass es sich keineswegs um ein einheitliche Idee handelt und warf viele Fragen auf, die in der Weiterentwicklung zu klären sind:

  • Was genau macht die "assistierte Ausbildung" aus? Welche unterschiedlichen Ansätze  und Gestaltungselemente gehören dazu und wie lassen sie sich systematisieren?
  • Kann das Instrument "assistierte Ausbildung" dazu beitragen, stigmatisierende Zielgruppendefinitionen aufzulösen und Angebote für alle Jugendliche zu machen? Oder soll bzw. muss -  z. B. aus förderrechtlichen Gründen - eine Ausrichtung auf "benachteiligte" Zielgruppen beibehalten werden? 
  • Wie können die Angebote der assistierten Ausbildung trennscharf von anderen Angeboten wie ausbildungsbegleitenden Hilfen, externem Ausbildungsmanagement abgegrenzt werden? Was unterscheidet sie? 
  • Wie können Regelfinanzierungen geschaffen werden? Unter welchen Voraussetzungen ist es denkbar, dass Mittel, die bisher für die außerbetriebliche Ausbildung genutzt werden, in eine Förderung der assistierten Ausbildung  umgewidmet werden?


Mit der assistierten Ausbildung zeichnet sich ein Weg ab, wie die Lücke zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Voraussetzungen der Jugendlichen geschlossen werden kann. Die Idee bietet Antworten auf wichtige berufsbildungspolitische Fragen, sichert sie doch Zukunftschancen für junge Menschen und Fachkräfte für die Betriebe. Wie dieser Weg aussehen kann, dazu gibt es unterschiedliche Vorstellungen und noch eine Reihe von Fragen. Als wichtige Aufgabe - so ein zentrales Ergebnis der Tagung - steht an, die Konturen der assistieren Ausbildung zu klären, ein einheitliches Bild zu entwickeln und dieses in Praxis, Forschung und Politik einzubringen. 

Ausführliche Projektberichte zu den Projekten "Carpo" und zur "Auftragsausbildung"  finden Sie hier:

Carpo: www.good-practice.de/infoangebote_beitrag4156.php
Auftragsausbildung: www.good-practice.de/infoangebote_beitrag4863.php


Dokumentation des Workshops: www.good-practice.de/4997.php

Letzte Änderung: 02/13/2013 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

Kommentare

Erstellt am: 17.12.2012 Kommentare hinzufügen »

 
 
 

Flyer des Expertenworkshops "Gemeinsam Zukunftschancen sichern - neue Formen kooperativer Ausbildung"