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Das Wasser war viel zu tief - BIBB analysiert Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt

Wie der Berufsbildungsbericht 2014 zeigt, nehmen die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt weiter zu: Betriebe und Jugendliche finden immer schwerer zueinander. Eine soeben erschienene Analyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt die Ursachen für dieses Phänomen - und zugleich Lösungsansätze, wie Betriebe und Jugendliche durch eine Änderung ihres jeweiligen Informations- und Auswahlverhaltens ihre Situation verbessern können. Dazu benötigen sie Unterstützung von außen.

Versorgungsprobleme und Besetzungsprobleme

Was sind eigentlich Passungsprobleme? - Übersteigt die Zahl der erfolglosen Bewerber/-innen die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen, entsteht ein Versorgungsproblem. Ist die Relation umgekehrt, gibt es ein Besetzungsproblem. Steigen beide Zahlen an, spricht man von wachsenden Passungsproblemen. Genau diese Entwicklung ist derzeit auf dem Ausbildungsstellenmarkt zu beobachten - regional sehr unterschiedlich im Hinblick auf beide Problemdimensionen.

Gründe für das bundesweit wachsende Versorgungsdefizit liegen in der Verschlechterung der Angebot-/Nachfrage-Relation in einigen Regionen, aber auch in der Reduzierung außerbetrieblicher Ausbildungsplätze. Es gibt aber auch statistische Ursachen: So ist der Kreis der "unbekannt verbliebenen Bewerber" (also oft Jugendliche in prekären Lebenslagen, die unerreichbar für institutionelle Hilfsangebote sind) von 27 Prozent im Jahr 2009 auf 12 Prozent im Jahr 2013 gesunken. Ein erwünschtes Ziel der Bildungspolitik steigert also zugleich den Anteil der "unversorgten Bewerber", die entsprechend vermehrt auf den Radarschirmen der Arbeitsmarktstatistik auftauchen.

Bei den Besetzungsproblemen dominieren nicht regionale Effekte, sondern branchenspezifische Unterschiede. Hier leidet vor allem der Fertigungsbereich unter einem veränderten Berufswahlverhalten der Jugendlichen, die sich immer stärker den für sie attraktiveren Dienstleistungsberufen zuwenden. Berufe in Lebensmittelhandwerk und Gastronomie haben stark mit Besetzungsproblemen zu kämpfen, Berufe im kaufmännischen Bereich dagegen kaum.

Informations- und Auswahlverhalten verbessern

Bei den Ansätzen zur Lösung von Passungsproblemen identifizieren die BIBB-Autorinnen und Autoren zwei mögliche Lösungswege. Da ist zum einen die unmittelbare Lösung, Ausbildungsstellen und Bewerber/-innen stärker miteinander in Verbindung zu bringen und so die Probleme auf der Angebots- und auf der Nachfrageseite gleichzeitig zu reduzieren. Eine mittelbare Lösung besteht darin, zusätzliche Ausbildungsnachfrage und zusätzliches Ausbildungsangebot zu erschließen.

Unmittelbar wirkende Maßnahmen beziehen sich auf beiden Seiten auf zwei Dimensionen: das Informations- und das Auswahlverhalten. Sowohl die Bewerber/-innen als auch die Betriebe waren eventuell deshalb erfolglos, weil sie sich nicht effizient genug über die eigenen Möglichkeiten und das erreichbare Angebot informiert haben bzw. auf dem Ausbildungsmarkt zu wenig Präsenz zeigten - oder weil ihre Auswahlkriterien zu eng gesetzt waren.

Ein Lösungsansatz für Ausbildungsbetriebe könnte sein, ihre Selbstdarstellung (z.B. im Internet) deutlich auszuweiten, vor allem dann, wenn sie aus Sicht der Jugendlichen weniger attraktive Angebote machen. Denkbar sind aber auch Maßnahmen wie eine intensivierte Beratung oder der Einsatz eines externen Rekrutierungsmanagements. Bei der Auswahl können Betriebe auch  solche  Bewerber/-innen in den Blick nehmen, die ihren ursprünglichen Erwartungen nicht in vollem Maß entsprechen - und bei ihrer Ausbildung auf Unterstützung durch kooperative Ausbildungsformen wie die Assistierte Ausbildung zurückgreifen.

Duale Ausbildung attraktiver machen

Erfolglose Bewerberinnen und Bewerber um einen Ausbildungsplatz können sich entsprechend Unterstützung mithilfe eines externen Bewerbungsmanagements sichern und sich umfassender über die Angebotsseite informieren. Bei der Auswahl können ihnen Wege aufgezeigt werden, räumliche und berufliche Grenzen auszudehnen und Betriebe in den Blick zu nehmen, die weiter entfernt sind oder Ausbildungsstellen in Berufen anbieten, die zunächst weniger attraktiv erscheinen. Das gute Image eines Unternehmens als Ausbildungsbetrieb kann das negative Image eines angebotenen Ausbildungsberufs nämlich zu einem großen Teil kompensieren. Nicht zuletzt ist es für die Berufswahlentscheidung wichtig, den Jugendlichen ein realistisches, nüchternes Bild ihre faktischen Erfolgschancen auf dem Ausbildungsmarkt zu vermitteln.

Bei den mittelbar wirkenden Maßnahmen ist die zentrale Herausforderung sicher nicht kurzfristig umzusetzen: Es geht um nicht weniger als die Steigerung der Attraktivität der dualen Ausbildung insgesamt. Um sie für junge Menschen attraktiver zu machen, reichen Imagekampagnen nicht aus; gerade in den Branchen mit Besetzungsproblemen müssen die Ausbildungsbedingungen optimiert werden. Auch durch die flächendeckende Ausweitung der Berufsorientierung können Jugendliche für die duale Ausbildung gewonnen werden.

Außerbetriebliche Ausbildungsstellen bleiben wichtig

Die Erschließung neuer Ausbildungsplätze ist ein wirksames Mittel, um die Versorgungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt zu vermindern. Wegen der bekannten demografischen Entwicklung geht es hier nicht einmal um eine Steigerung des betrieblichen Angebots; schon das Halten des bisherigen Niveaus könnte die Angebots-Nachfrage-Relation verbessern. Die Betriebe müssten ihr Angebot also nicht an die sinkende Nachfrage anpassen, sondern ihre Ausbildungsplatzangebote auch dann noch aufrechterhalten, wenn die Wahrscheinlichkeit sinkt, diese zu besetzen.

So erfolgreich Maßnahmen zur Verbesserung des Informations- und Auswahlverhaltens auf Seiten der Bewerber/innen wie der Betriebe auch immer sein mögen - auf außerbetriebliche Ausbildungsstellen kommt der Markt aus Sicht der BIBB-Analyse selbst bei optimaler Ausschöpfung des betrieblichen Ausbildungsinteresses nicht aus.


Matthes, Stephanie; Ulrich, Joachim Gerd; Krekel, Elisabeth M.; Walden, Günter: Wachsende Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt: Analysen und Lösungsansätze. BIBB, Bonn 2014 (PDF, 708 KB)

Letzte Änderung: 05/28/2014 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

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Erstellt am: 28.05.2014 Kommentare hinzufügen »