Innovationskreis Weiterbildung des BMBF
Strategien für das Lernen im Lebenslauf
Der Innovationskreis Weiterbildung (IKWB) hat sich im Auftrag des Bildungsministeriums das Lernen im Lebenslauf angeschaut. Jetzt hat der IKWB zehn Empfehlungen vorgelegt, die sich an den Staat, die Bildungsträger, Unternehmen, Sozialpartner, Verbände und öffentlichen Arbeitgeber richten aber auch an die einzelnen Bürger und Bürgerinnen.
Als "nationale Weiterbildungsziele" empfiehlt der IKWB:
- Die Beteiligung der Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren an Weiterbildung soll auf 80 Prozent im Jahr 2015 angehoben werden.
- Die Beteiligung an formalisierter Weiterbildung soll von 43 Prozent im Jahr 2006 auf 50 Prozent im Jahr 2015 steigen.
- Für Geringqualifizierte, von denen lediglich 28 Prozent an Weiterbildung teilnehmen, wird eine Zielmarke von mindestens 40 Prozent vorgeschlagen.
Für eine "Weiterbildung mit System" schlägt der IKWB unter anderem folgende Maßnahmen vor:
Motivation und Verantwortung stärken
Die eigenverantwortliche Gestaltung der Bildungs- und Lernbiographien hängt unmittelbar von der Motivation und der Bereitschaft der Menschen zum Lernen im Lebenslauf ab.
- Einführung einer "Bildungsprämie": maximal 154 Euro sollen alle Menschen erhalten können, deren zu versteuerndes jährliches Einkommen 17.900 Euro nicht übersteigt.
- Schaffung finanzieller Rahmenbedingungen, um insbesondere Benachteiligten eine zweite Chance für einen Schul- bzw. Ausbildungsabschluss zu geben.
- Um die Motivation für die Teilnahme an beruflicher Weiterbildung wirksam zu unterstützen, soll gemeinsam mit den Sozialpartnern geprüft werden, inwieweit Lernzeiten zu Lernzeitkonten weiterentwickelt werden können.
Anerkennung und Akzeptanz für das Lernen im Lebenslauf vertiefen
Mittelfristig sollen die Anerkennung und Akzeptanz für das Lernen im Lebenslauf durch eine Umorientierung von formalen, abschlussbezogenen Qualifikationen hin zu kompetenzbasierten Bewertungsmethoden erleichtert werden. Dies erfordert Instrumente und Verfahren für eine leichtere Feststellung sowie Anerkennung von Kompetenzen und deren Anrechenbarkeit in anderen Bildungsgängen.
- Entwicklung eines gemeinsamen Kompetenzverständnisses: Die Vielzahl von Kompetenznachweisen soll sich zukünftig an einem gemeinsamen Rahmen ausrichten.
- Unterstützung eines Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR).
- Zertifizierung von Kompetenzen, so dass ihre Verwertbarkeit im Bildungs- und im Beschäftigungssystem verbessert wird.
- Anerkennung von im Alltag und durch ehrenamtliche Tätigkeit erworbener Kompetenzen.
Durchlässigkeit und Verzahnung der Bildungsbereiche ermöglichen
Das Lernen im Lebenslauf erfordert eine bessere Verknüpfung der Lernorte sowie eine höhere Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen. Die hohe Quote von Ausbildungsabbrüchen weist auf strukturelle Defizite in den Übergangsbereichen hin.
- Verknüpfung von allgemeiner und beruflicher Weiterbildung.
- Sicherstellung der Anschlussfähigkeit zwischen beruflicher (Erst-) Ausbildung und Weiterbildung, Berufsbildung und Hochschulbildung.
- Kein Abschluss ohne Anschluss.
Transparenz und Qualität sicherstellen; Bildungsberatung ausbauen
Für das Lernen im Lebenslauf ist eine bildungsbereichs- und trägerübergreifende Qualitätsentwicklung und -sicherung erforderlich, die auch für die Nutzerseite transparent ist. Um ein hochwertiges Beratungsangebot sicherzustellen, das alle Zielgruppen erreicht, bedarf es eines integrativen und alle Phasen des Lernens umfassenden Systems der Bildungsberatung.
- Etablierung einer an der Berufs- und Arbeitsbiographie sowie der Lebens- und Lernsituation der Menschen orientierten Bildungsberatung.
- Einführung eines träger- und bereichsübergreifenden Qualifikations- und Kompetenzrahmens für das in der Weiterbildung beschäftigte Personal.
- Herstellung von Transparenz der Angebote und Maßnahmen durch Akkreditierung und Zertifizierung.
Integration durch Bildung verbessern
Das Bildungssystem soll die Potenziale der zugewanderten und künftig zuwandernden Menschen besser entwickeln und in das Gemeinwesen integrieren. Das Erlernen der deutschen Sprache ist hierfür eine unabdingbare Grundlage.
- Interkulturelle Bildung soll zu einer Querschnittsaufgabe aller Bildungsbereiche werden.
- Maßnahmen der Qualifizierung zur Förderung interkultureller Kompetenzen insbesondere für Erzieherinnen und Erzieher, Lehrende, das Ausbildungspersonal in Betrieben und für Menschen, die im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements tätig sind.
- Jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, die ohne Berufsabschluss erwerbstätig sind, soll eine zweite Chance zur modular aufgebauten und berufsbegleitenden Nachqualifizierung eröffnet werden.
- Anerkennungsverfahren in der beruflichen Bildung sollen die individuelle Integration unterstützen.
Lernen in der Region
Durch Zusammenführung der bildungsrelevanten Zuständigkeiten in der Region kann die Qualität der Bildungsangebote vor Ort gestärkt, das Erreichen von Zielgruppen verbessert und das Zusammenwirken der Akteure erleichtert werden. Regionen sollen daher unterstützt werden, integrierte regionale Bildungskonzepte zu entwickeln.
- Etablierung eines Bildungsmonitorings in der Region, um die Transparenz von Bildungsangeboten und Bildungsprozessen zu schaffen.
- Entwicklung eines kohärenten Bildungsmanagements vor Ort.
Einige Fragen bleiben aus unserer Sicht offen:
- Wenn "für das Lernen im Lebenslauf eine bildungsbereichs- und trägerübergreifende Qualitätsentwicklung und -sicherung" für notwendig erachtet wird, stellt sich die Frage, ob damit auch der Bereich der Berufsausbildung gemeint ist?
- Wenn weiterhin vorgeschlagen wird, "neutrale und bildungsbereichs- und trägerübergreifende Bildungs- und Berufsberatungsstellen auf- und auszubauen", stellt sich die Frage, wie die bestehenden Strukturen z.B. der Kammern oder Berufsberatungen eingebunden werden?
Empfehlungen des Innovationskreises Weiterbildung für eine Strategie zur Gestaltung des Lernens im Lebenslauf
(Hg.) BMBF, Bonn, Berlin 2008