Alles in der Hand der Jobcenter - berufliche Bildung und Beratung in der Provinz Pesaro (Italien)
Die regionalen Jobcenter spielen die zentrale Rolle in einem flexiblen System beruflicher (Aus-)Bildung, in dem benachteiligte und behinderte Jugendliche sehr effektiv und individuell gefördert werden. Das war eine der Erkenntnisse bei einem Besuch in der mittelitalienischen Provinz Pesaro. Dieser fand im Herbst 2009 im Rahmen des europäischen Studienbesuchsprogramms ("studyvisits") für Bildungs- und Berufsbildungsfachleute statt.
Integriertes System von Beratung und beruflichen Bildungsangeboten
Das Thema des Studienbesuchs lautete "Counselling, training and job: integration between systems for a better employability"; exemplarisch sollte die Betrachtung des lokalen Systems der Integration von Beratung und Angeboten der beruflichen Bildung in der Provinz Pesaro/Urbino (Region Marche) im Mittelpunkt stehen. "Beschäftigungsfähigkeit / Vermittlungsfähigkeit" (employability) gilt als Ziel der Beschäftigungspolitik in der Provinz Marche.
Erreicht werden soll dies über ein integriertes System von Beratung und beruflichen Bildungsangeboten, das gesteuert wird von den Jobcentern in Pesaro, Urbino und Fano. Deren Funktion in der Provinz, ihre Struktur und ihre Arbeitsweise wurde während des Studienbesuchs vorgestellt. Dazu gehörte auch das Kennenlernen von innovativen Initiativen sowie der Zuschnitt von Trainingskursen und Maßnahmeangeboten für benachteiligte bzw. behinderte (junge) Menschen.
Effektive Netzwerkarbeit bei überschaubarer Anzahl von Akteuren
Nach dem Empfang im Rathaus der Stadt Pesaro (ca. 100.000 Einwohner) durch den Präsidenten der Provinz Marche wurde die Organisationsform der beruflichen Bildung in den Regionen und die Zusammenarbeit der Beteiligten vorgestellt. Hervorgehoben wurde die sehr effektive Netzwerkarbeit als Voraussetzung für eine gute Planung und Abstimmung der Aktivtäten der beruflichen (Aus-)Bildung in der Region.
Als "Schlüssel" zur Umsetzung von "Employabiltiy" wird die gute Kooperation der Stakeholder betrachtet, die an einem Strang ziehen, um dieses gemeinsame Ziel zu erreichen. In den Vorträgen wurde dies nachvollziehbar dargestellt, obwohl nicht ganz klar wird, wie die Koordination der Aktivitäten tatsächlich organisiert ist. Im Gegensatz zu den deutschen Gegebenheiten - vor allem im Vergleich zur "Vielfalt" eines Übergangssystems - erscheint die regionale Koordination und Vernetzung mit einer überschaubaren Anzahl von Akteuren effektiver angelegt zu sein.
Schulische Berufsorientierung findet nicht statt
Die regionalen Jobcenter betreuen alle Bildungsaktivitäten und Beschäftigungsinitiativen in der Provinz, z.B. Kurse, Ausbildungen und die Beiträge der Unternehmen. Deren konkrete Arbeit wurde anschließend in der Stadt Fano vorgestellt, ihre Dienstleistungen, der Service und die Ausbildungskonzepte ihrer beruflichen Trainingsmaßnahmen präsentiert. Zu ihrer Aufgabe gehört es auch, den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt durch eine gute Kooperation zwischen allgemein bildender und beruflicher Schule zu initiieren.
Ein Gespräch mit Lehrkräften aus den beiden Schulformen und Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern des Jobcenters veranschaulichte die konkrete Zusammenarbeit. Kooperation wird tatsächlich auch in Form von unmittelbarer Zusammenarbeit im Unterricht umgesetzt und durch eine teilweise Abstimmung von Bildungsinhalten. Gleichzeitig ist festzustellen, dass die Form von Berufsorientierung, wie sie in Deutschland in letzter Zeit stark ausgebaut wurde, hier nicht existiert. Auch Kompetenzfeststellungsverfahren oder Assessments werden nicht frühzeitig in der Schule durchgeführt, um darauf Bildungs- und Förderangebote gezielt aufzubauen.
"Jeder Mensch ist (s)ein eigenes Projekt"
Beim Besuch einer "Cooperativea Sociale" wurde eindrucksvoll die Arbeit einer "Behindertenwerkstatt" vorgestellt. Die sozialen Fachkräfte schilderten ihren pädagogischen Ansatz, der Bildung, Betreuung und lebenspraktische Unterstützung behinderter Menschen in ein ganzheitliches Konzept stellt. "Jeder Mensch ist (s)ein eigenes Projekt" - wie ein Mitarbeiter sagte und drückte aus, dass es keine einheitlichen Vorgaben und gleichen Maßstäbe für die Arbeit geben könne, sondern nur auf das Individuum zugeschnittene Wege beschritten werden sollten.
Es entstand eine Diskussion in der Teilnehmergruppe über die notwendige Differenzierung der Begriffe "behindert" (disabled) und "(sozial) benachteiligt" (disadvantaged), die von den Gastgebern nicht unterschieden wurden. Deutlich wurde auch, dass in Italien eigene Bildungsangebote für Menschen mit Behinderungen selbstverständlich sind und sich mit der Einstellungsquote der Betriebe begründet, die im Behinderteneinstellungsgesetz gesetzlich geregelt ist. Angebote für "benachteiligte" Jugendliche werden in der Form nicht differenziert ausgewiesen. Obwohl auch Bildungsangebote für "drop-outs" (z.B. drop-out of school) oder "unemployed people" ("anti-crisis measures") angeboten werden, existieren keine explizit ausgewiesene Bildungsangebote für sozial benachteiligte Jugendliche.
Seit 1977 keine Sonderschulen
Interessant ist, dass in Italien behinderte Kinder verpflichtend in die Regelschule eingeschult werden. Seit 1977 gibt es keine Sonderschulen mehr. In der Grund- und Mittelschule erhalten schwer behinderte oder besonders schwache Schülerinnen und Schüler mit Lernstörungen eine besondere Lehrkraft, so genannte Integrationslehrerinnen und -lehrer, die während des Unterrichts ausschließlich der behinderten Schülerin bzw. dem behinderten Schüler zur Seite stehen.
Geringe Arbeitslosenquote
Der Direktor des Jobcenters in Pesaro erläuterte die Arbeitsmarktpolitik, die Dienstleistungen und Aktivitäten der öffentlichen Einrichtung. Er wies darauf hin, dass es trotz Rezession und Landflucht möglich war, die Arbeitslosenquote gering zu halten. Das "Wirtschaftmodell Marken" zeichne sich dadurch aus, dass die Anforderung der Industrialisierung mit den Anforderungen des jeweiligen Ortes angepasst werden; dies habe sich als großer Erfolg herausgestellt. Heute gibt es in Marken weit weniger Arbeitslose als in anderen Teilen Italiens.
Im Hinblick auf Beschäftigung und Wachstum verfolge Italien ein langfristiges Konzept. Mithilfe neuer, im Rahmen des Europäischen Sozialfonds geförderter Maßnahmen und Partnerschaften soll die Flexibilisierung der Arbeitskräfte und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen vorangetrieben werden. Dadurch schaffe Italien einen zukunftsfähigen Arbeitsmarkt; dabei konzentriere man sich darauf, die Systeme allgemeiner und beruflicher Bildung mit denen des Arbeitsmarktes zu integrieren, während zugleich gefährdeten Gruppen und Regionen besondere Hilfe zukomme.
Im Jobcenter wurden Trainingsmaßnahmen und Ausbildungsangebote vorgestellt, die in den dort vorhandenen Werkstätten durchgeführt werden. Dort besteht im Rahmen von Ausbildungsangeboten auch eine Zusammenarbeit mit regional ansässigen Betrieben. Mit ihnen zusammen werden Ausbildungskurse zugeschnitten und durchgeführt.
Betriebliche Verbundausbildung in der Motorentechnik
Die Studienbesuchsgruppe konnte ein Beispiel kennen lernen. In Verbindung mit einer Führung durch das "morbidelli museo" wurde eine betriebliche Verbundausbildung im Bereich der Motorradmechanik vorgestellt - die Motorentechnik ist ein bedeutendes "Markenzeichen" der Provinz. Stolz wurde berichtet, dass die in Pesaro ausgebildeten Fachkräfte gute Vermittlungschancen in ganz Italien hätten. Eine sich daran anschließende Betriebsbesichtigung veranschaulichte diesen Ansatz. Der Austausch mit dem dortigen Personalmanager von "BIESE" stellte die Kooperation zwischen Betrieben und den öffentlichen Jobcentern heraus.
Die Besichtigung des Jobcenters in Pesaro gab darüber hinaus einen Einblick in die Organisation und die Rahmenbedingungen der Beratungsarbeit sowie in die Ausbildungsstätten (Werkstätten und Unterrichts-, und Vortragsräume), u.a. wurde auch der "Job Matching Service" für Arbeitnehmer und Arbeitgeber vorgestellt. Das Jobcenter arbeitet hier mit 227 Betrieben in der Region zusammen.
Jobcenter: große Spannbreite der Angebote
Im Jobcenter der Region Urbino wurde die Spannbreite der Angebote dieser öffentlichen Einrichtung präsentiert: "From reducing school drop out to university graduates vocational training" - so der Titel des Vortrags des dortigen Direktors. Der Überblick über die Zielgruppe weist auf die spezifischen Bildungsangebote hin: Jugendliche (16-18 Jahre), junge Erwachsene (18-25, 29 bei Akademikern), Arbeitssuchende und Arbeitslose, Arbeiternehmerinnen und -nehmer über 40, Berufsrückkehrerinnen, behinderte Arbeitssuchende.
Die Angebote zur Stärkung von "employability" beziehen sich auf alle Personen, die sich an einem "Übergang" hin zu Beschäftigung bzw. Berufstätigkeit befinden. Dies schließt "drop-outs" ebenso mit ein, wie auch Studierende, mit Blick auf Beschäftigung nach ihrem Studium. Letzteres war Thema beim Besuch der Universität von Urbino. Im Zentrum der dortigen Beratungsarbeit steht, die Zusammenarbeit von Studierenden und Unternehmen herzustellen und die Studierenden auf die Arbeitssituation adäquat vorzubereiten.
Abschließende Bewertung: Hohe Effektivität, fragliche Nachhaltigkeit
Der regionale Zuschnitt beruflicher Angebote ohne nationalen Standard erscheint durchaus gelungen, weil unmittelbarer und flexibler auf Erfordernisse des Arbeitsmarktes eingegangen werden kann. Gleichwohl bleibt die Anerkennung in anderen italienischen Regionen eine offene Frage.
Vernetzung und Kooperation zur Abstimmung der beruflichen Bildungsangebote wird, wie auch in der deutschen Berufsbildungsdebatte der letzten Jahre als "Schlüssel" der Weiterentwicklung betrachtet. Das vorgestellte italienische Modell kann effektiver sein, weil nur eine geringe Anzahl von Beteiligten im Handlungsfeld agieren und die positive Zusammenarbeit zwischen Sozialpartnern und den kommunalen Entscheidungsträger besteht. Die Leitlinie, Ausbildung und Beschäftigung stärker miteinander zu verbinden, kann durch die verbesserte kontinuierliche Beratung und Begleitung gelingen.
Die Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung scheint auf institutioneller Ebene festgeschrieben zu sein und auch von kommunalen Einrichtungen (Jobcenter) unterstützt zu werden. Dies fördert Abstimmungsprozesse und gemeinsames Handeln. Problematisch stellt sich dar, dass die kennengelernten innovativen Initiativen ausschließlich über den Europäischen Sozialfond ("maximale Nutzung") finanziert werden und darüber deren Nachhaltigkeit auch infrage gestellt werden kann.
Der Studienbesuch hat einen sehr interessanten fachlichen Austausch ermöglicht und einen konkreten Einblick in das italienische Bildungssystem gegeben. Die Begegnungen und Besichtigungen waren sehr fruchtbar, auch mit Blick darauf, dass sich unterschiedliche Länder innerhalb Europas vertrauter werden.
G R U N D L A G E N W I S S E N
Organisation des italienischen Schul- und Berufsbildungssystems
Das Schulsystem ist in allen 20 italienischen Regionen einheitlich. Die Schulpflicht endet nach insgesamt neun Schuljahren mit dem 15. Lebensjahr. An die 5-jährige Scuola Elemantare (Grundschule) schließt sich die 3-jährige Sculo Media (Mittelschule / Sekundarstufe I) an. Danach müssen die Schülerinnen und Schüler mindestens ein weiteres Schuljahr an einer weiterführenden Schule besuchen. Nach Erfüllung der Schulpflicht gibt es folgende Möglichkeiten:
- Direkter Einstieg in das Arbeitsleben
- Ausbildung an einem "Istituto Professionale" (staatliche Berufsfachschule)
- Ausbildung an einem "Istituto Tecnico (staatliche Gewerbeoberschule)
- Berufsausbildung an einem "Centro di Formazione Professionale" (Berufsbildungszentren), mit Ausbildungen in einer Vielzahl von Bereichen
- Teilnahme an einer Form der betrieblichen Berufsausbildung.
Betriebliche Berufsausbildung hat eine geringe Tradition und Bedeutung. Ein duales Berufsausbildungssystem gibt es nur in der autonomen Region Südtirol sowie in einigen Großbetrieben in Norditalien. Die berufliche Bildung ist nicht auf nationaler Ebene geregelt, sondern gehört zum Aufgabenbereich der Regionen. Da es kaum landesweite einheitliche Vorgaben für Kurse gibt, variieren die Angebote in den einzelnen Regionen sehr stark. Das bezieht sich auf Ausbildungsinhalte, Dauer, Bildungsziele, Unterrichtsart und auch auf die Zugangsvoraussetzungen.
Das Kursangebot orientiert sich in der Regel an den Erfordernissen des regionalen Arbeitsmarktes. Berufliche Bildung wird überwiegend auf schulischen Wegen vermittelt; betriebliche Berufsausbildung ist eher die Ausnahme.
Die Kurse werden für Jugendliche mit erfüllter Schulpflicht, Abiturienten und Akademiker angeboten. Als Bildungsträger beteiligen sich in erster Linie öffentliche Institutionen, Einrichtungen der Kirchen und Gewerkschaften, die im Auftrag der Regionen ausbilden. Die Abschlussprüfungen werden von Landesbehörden abgenommen und in Form eines Zeugnisses bestätigt (staatliche Anerkennung).
Erstellt am: 30.03.2010
Letzte Änderung: 21.07.2010
