Entwicklungen und Perspektiven

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Reformbedarf für das Übergangssystem

Das Übergangssystem muss dringend reformiert werden, dennoch braucht das deutsche Bildungssystem Übergangsmaßnahmen. Zu diesem Schluss gelangen rund 500 Expertinnen und Experten der Berufsbildung, die im Rahmen des BIBB-Expertenmonitors befragt wurden. Über 300 befragte Jugendliche bestätigen diese Einschätzung.

Übergangssystem kostet vier Milliarden pro Jahr

Trotz der partiellen Entlastung am Ausbildungsmarkt begannen im Jahr 2009 immer noch rund 347.000 Jugendliche ihre berufliche Karriere mit einer Übergangsmaßnahme. Nach Schätzungen von Fachleuten führt das Übergangssystems zu Kosten von jährlich über vier Milliarden Euro. Ausmaß und Ausgaben stehen erheblich in der Kritik, Zweifel an der bildungspolitischen Sinnhaftigkeit kennzeichnen zahlreiche Stellungnahmen. Aus Reformvorschlägen, Forschungsergebnissen und neuen Programmansätzen fasste eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bertelsmann Stiftung zentrale Kernideen zusammen und legte diese Expertinnen und Experten wie auch Jugendlichen zur Bewertung vor.

Online um ihr Urteil gebeten wurden Fachleute aus Betrieben, überbetrieblichen Bildungsstätten, den Kammern, Arbeitgeberverbänden, von den Gewerkschaften, aus der Forschung, aus Schulen, der Verwaltung und Berufsverbänden. Die Jugendlichen waren Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr aus Nordrhein-Westfalen, besuchten eine Maßnahme oder konnten sich nicht eindeutig zuordnen, sie wurden im Klassenzimmer ihrer Berufsschule oder ihrer Trägereinrichtung befragt. Ihnen legte die Studie 18 Reformvorschläge vor, die die Autorengruppe zusammengestellt haben.

Die Reformvorschläge umfassen allgemeine Einschätzungen zum Übergangssystem, aber auch Details wie die Vorbereitung und Begleitung, die Koordination und das Monitoring, die Regelung des Zugangs in vollqualifizierende Berufsausbildungen, notwendige Veränderungen der Angebote und die Unterstützung der Betriebe bei der Ausbildung. Sie sind nicht als Empfehlungen, erst recht nicht als Gesamtkonzept zu verstehen, sondern spiegeln Tendenzen aktueller Programme, Initiativen und Reformvorschläge.

Warteschleifen und sinnvolle Qualifizierung

Mehr als 80 % der Fachleute und 75 % der Jugendlichen meinen, dass es auch in Zukunft ein Übergangssystem geben muss. Zwar sehen 43% der Expertinnen und Experten und 40 % der Jugendlichen Maßnahmen als Warteschleifen, etwa ebenso viele sind aber der Meinung, dass dort auch sinnvoll qualifiziert wird. Bei Jugendliche, die selbst im Übergangssystem sind, fällt die Bewertung noch positiver aus.

Die Jugendlichen, die sich zum Zeitpunkt der Befragung selber im Übergangssystem befanden, nehmen eine noch etwas positivere Einschätzung vor: Lediglich 37 Prozent von ihnen bewerten die Übergangsmaßnahmen und -bildungsgänge als Warteschleifen. Zur Interpretation dieser Aussage weisen die Autorinnen und Autoren allerdings darauf hin, dass Jugendliche oftmals das Bedürfnis haben, ihre eigenen berufsbiographischen Erfahrungen möglichst positiv zu deuten, um ihre Bildungsentscheidungen und -wege zu rechtfertigen.

Den größten Reformerfolg versprechen sich Fachleute von Vorschlägen zur intensiveren Vorbereitung und Begleitung der Jugendlichen im Übergang, z. B. durch eine Potenzialanalyse und Übergangsbegleitung, ebenso stimmen sie einem Schulfach Berufsorientierung zu. Unter den Spitzenreitern der Fachleute ist außerdem die Forderung, die Angebote im Übergangssystem umzugestalten: bei allen Angeboten sollten betriebliche Praxisphasen im Vordergrund stehen, und die Angebotsvielfalt sollte reduziert werden. Das Übergangsgeschehen könnte aus Expertensicht durch ein externes Ausbildungsmanagement verbessert werden. Bei diesen Vorschlägen sind sich die Fachleute einige, die Aussagen erhalten Unterstützung von 70 %  der Befragten - und zwar aus allen Expertengruppen.

Bei anderen Vorschlägen unterscheidet sich die Zustimmung. So sind die wirtschaftsnahen Akteure (Betriebe, Kammern, Arbeitgeberverbände) fast durchgängig dagegen, die Besetzung betrieblicher Ausbildungsplätze in irgendeiner Weise gesetzlich zu reglementieren, diese Möglichkeit, Zugänge zu verschaffen, beurteilen die Expertinnen und Experten aus Schulen, Gewerkschaften und Forschungseinrichtungen deutlich positiver. Umgekehrt halten viele wirtschaftsnahe Experten ebenso wie Schulen Sanktionen für wünschenswert, wenn Jugendliche Vereinbarungen nicht einhalten, Gewerkschaften und Forschungseinrichtungen teilen diese Forderungen nicht.

Übergangsgeschehen verändert sich stark

Die Jugendlichen stimmen in weiten Teilen mit den Fachleuten überein. Sie fordern allerdings an erster Stelle externe Ansprechpartner, die Betrieben bei der Ausbildung helfen. Anders als die Fachleute wünschen sich die Jugendlichen, dass betriebliche Praxisphasen in den Angeboten des Übergangssystems im Vordergrund stehen. Außerdem möchten sie die Möglichkeit haben, hier ihren Schulabschluss zu erwerben oder zu verbessern. Bei den Jugendlichen gehört auch das "regionale Übergangsmanagement" zu den Spitzenreitern. An einem Schulfach "Berufsorientierung" haben die Jugendlichen wenig Interesse. Interessanterweise sind sie auch nicht der Meinung, dass die Angebotsvielfalt im Übergangssystem reduziert werden müsste.

Zusammenfassend wird ein Unterstützungsbedarf auf beiden Seiten deutlich: Junge Menschen brauchen eine intensive Berufsorientierung und die Möglichkeit einer individuellen Begleitung. Gleichzeitig sollten Betriebe bei Bedarf auf externe Partner zurückgreifen können. In ihrem Fazit weist das Autorenteam darauf hin, dass sich das Übergangsgeschehen derzeit stark verändert - z. B. durch den demografische Wandel, Neuerungen im Bildungssystem, aber auch Verschiebungen bei den Kompetenzen der Jugendlichen und den Anforderungen der Betriebe. Als Folge des Wandels besteht bei allen Jugendlichen ein Beratungs- und Unterstützungsbedarf. Aus diesem Grund sollten Unterstützungsangebote sich nicht nur auf benachteiligte Jugendliche beschränken.

BIBB-Studie: "Reform des Übergangs von der Schule in die Berufsausbildung: Aktuelle Vorschläge im Urteil von Berufsbildungsexperten und Jugendlichen"


Erstellt am: 25.02.2011


 

 

Letzte Änderung: 25.03.2011