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Junge Frauen in IT-Berufen

Die Berufe der Informations- und Kommunikationstechnologie (IT) bieten offenbar für junge Frauen nicht annähernd gleiche Ausbildungs- und Beschäftigungschancen wie für junge Männer. Nur 14% aller Auszubildenden in den neuen IT-Berufen sind Frauen, und dies sogar mit fallender Tendenz trotz steigender Zahl von Ausbildungsplätzen.

In den IT-Berufen mit stärkerem kaufmännischem Profil sind die Frauen häufiger vertreten als in eher technisch orientierten IT-Berufen, die bereits in der Berufsbezeichnung eine große Techniknähe erkennen lassen. Auf diese Weise setzt sich eine Tendenz fort, die schon in den alten dualen Ausbildungsberufen aus dem IT-Arbeitsumfeld der verschiedenen Wirtschaftsbereiche zu beobachten war. Bislang gibt es noch keine gezielte und systematische Forschung über die Ursachen der geringen Ausbildungsquoten junger Frauen und deren Folgen für die Entstehung von neuen geschlechtlichen Segmentierungen in diesem Bereich. Einen Anfang bieten die Ergebnisse einer Befragung von 758 Betrieben des Referenzbetriebssystems des BIBB (RBS) zur Ausbildung junger Frauen in den vier IT-Berufen, auf die im folgenden Bezug genommen wird. Ergänzend dazu werden Erfahrungen aus der Ausbildung junger Frauen einbezogen, die im Rahmen der Evaluation der neuen IT-Berufe durch das Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik (BIAT) erfragt wurden. Unterschiede in der Ausbildung zwischen jungen Frauen und jungen Männern waren allerdings nicht zentrales Ziel der Befragung.

Mit der Ausbildung in den neuen IT-Berufen wurde die Hoffnung verbunden, dass sich insbesondere für Frauen attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten in diesen zukunftsorientierten modernen Berufen eröffnen. Die IT-Berufsprofile zeichnen sich dadurch aus, dass sowohl technische, betriebswirtschaftliche als auch Managementkompetenzen in der Grundausbildung zusammengeführt sind und im weiteren Verlauf der Ausbildung Schwerpunkte in stärker kaufmännisch und oder technisch orientierten Berufsprofilen gesetzt werden können. Die neuen Qualifikationsprofile werden nicht nur in der Informationswirtschaft nachgefragt, sondern in zahlreichen Beschäftigungsfeldern der Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) über alle Berufe hinweg. Eine Zuordnung der Berufe zu bisherigen Berufsfeldern ist daher nicht mehr möglich. Beide Aspekte, die Integration von technikbezogenen, kaufmännischen, kommunikativen und organisationellen Fähigkeiten in einem Berufsbild sowie die breite Nachfrage nach diesem Qualifikationsprofil in verschiedenen Berufsbereichen bieten Chancen, bisherige Trennungen zwischen Berufen mit kaufmännisch-orientierten und kundenbezogenen Anforderungsprofilen einerseits und eher technischen Anforderungsprofilen andererseits aufzulösen. Diese Spaltungen sind geschlechtlich strukturiert und weisen Merkmale von typischen "Frauenberufen" und "Männerberufen" auf. Geschlechtliche Trennungen zwischen Berufen und Beschäftigungsbereichen sind eine wesentliche Ursache individueller Ungleichheit, da sie Qualizierungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten einzelner begrenzen. Zusätzlich produzieren sie Unflexibilitäten auf dem Arbeitsmarkt, in dem die Besetzung von Stellen, die Definition von Anforderungsprofilen und die Arbeitsplatzmobilität mit dem jeweiligen Geschlecht der Person verknüpft werden.

Für die geringe Ausbildungsbeteiligung junger Frauen werden in öffentlichen Diskussionen meist ein traditionelles Berufswahlverhalten der Frauen sowie mangelnde Berufsvorbereitung durch Schule und Berufsberatung verantwortlich gemacht. Auch in der RBS-Befragung des BIBB halten 64% der Betriebe an erster Stelle technikorientierte Berufspraktika und verbesserte Berufsberatung für die wichtigsten Mittel zur Erhöhung des Frauenanteils in der Ausbildung.
Bezieht man die Erfahrungen weiblicher Auszubildender der Evaluationsstudie von BIAT mit ein, so ergibt sich ein differenzierteres Bild. Die Berufswahlentscheidungen junger Frauen sind demzufolge stärker als die der jungen Männer vom Angebot an Ausbildungsplätzen abhängig. Nur 50% der Frauen gegenüber 75% aller Auszubildenden in den IT-Berufen nehmen einen Ausbildungsplatz in ihrem gewünschten Beruf und jede zweite Frau einen Ausbildungsplatz in einem Beruf der zweiten und dritten Priorität wahr. Offensichtlich waren Frauen eher bereit, sich um einen Ausbildungsplatz in einem anderen Beruf zu bewerben als Männer, wenn im Beruf ihrer ersten Wahl nicht ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung standen (Petersen; Wehmeyer 2001, 180). Auch ist der Einfluss von Familie und Freunden bei Frauen stärker als bei Männern ein mitentscheidender Aspekt bei ihrer Berufswahl. Unterstützung des Entscheidungsprozesses erhielten junge Frauen stärker als junge Männer durch Computerunterricht in den Schulen.

Zur Erklärung für die geringe Beteiligung von Frauen in IT-Berufen nennen 35% der RBS-Betriebe an zweiter Stelle das technische und damit das als "männlich" identifizierte Image der IT-Berufsbilder. Darin steckt die Kritik, dass in der Außendarstellung der Berufe den technischen gegenüber den kaufmännischen und dienstleistungsorientierten Anforderungen Vorrang gegeben wurde. Zudem scheinen Berufsbezeichnungen für die Außenwirkung eine wichtige Rolle zu spielen. Betriebe berichteten, dass bei der Umstellung der Berufsbezeich-nung von "Mathematisch-technische/-r Assistent/-in" auf Fachinformatiker/-in" der Anteil von Bewerberinnen von ca. 60% auf 20% sank (Borch; Weissmann 2000, 10).

Ein dritter Komplex möglicher Ursachen für die geringen Ausbildungsquoten junger Frauen in IT-Berufen besteht in betrieblichen Auswahlverfahren und in der Einstellungspraxis. In der Befragung des BIBB lag der Anteil von Frauen, die sich für einen Ausbildungsplatz in den IT-Berufen beworben hatten, im Jahre 2000 bei rund einem Fünftel. Bei der Einstellung waren sie weniger erfolgreich als ihre männlichen Kollegen. Die Einstellungsquote junger Frauen lag rund 4 Prozentpunkte unter denen der Männer. Interessante Aspekte ergeben sich bei der Betrachtung der einzelnen Berufe. Nach der BIAT-Studie ist die Anzahl von Bewerberinnen generell abhängig davon, ob es sich um einen stärker kaufmännisch orientierten oder eher technisch orientierten Ausbildungsberuf handelt. In letzteren bestehen bedeutsame Unterschiede zwischen der Anzahl von weiblichen Bewerbungen und weiblichen Auszubildenden. Hier haben sich doppelt so viele Frauen beworben als eingestellt wurden. In den eher kaufmännisch orientierten Berufen finden wir eine umgekehrte Situation. Die Bewerbungsrate von Frauen liegt hier leicht unter der Rate der weiblichen Auszubildenden. Im Ausbildungsberuf des Fachinformatikers/Fachrichtung Anwendungsentwicklung ist die Rate von Bewerberinnen und weiblichen Auszubildenden in etwa ausgewogen. Unternehmen folgen offensichtlich typischen geschlechtsspezifischen Mustern bei der Einstellung von Bewerberinnen. Sie bevorzugen Frauen in kaufmännisch orientierten und Männer in technisch orientierten Berufen. Gleichwohl waren in der RBS-Befragung nur 8% der Betriebe für eine Überprüfung von Eignungstests und Auswahlverfahren, um die ungewollte oder unbemerkte Bevorzugung männlicher Bewerber zu vermeiden.

Eine - wenn auch längerfristig gesehen - positive Auswirkung auf die Ausbildung von Frauen in IT-Berufen können Führungsstrukturen und Unternehmenskulturen haben, die Genderaspekten Rechnung tragen. Betriebe sehen die Einstellungen von Führungskräften und betriebliche Führungsstrukturen kaum als mitverantwortlich für die geringen Ausbildungsquoten von Frauen in IT-Berufen an. Immerhin jedoch werden in 32% der Nennungen Informations- und Überzeugungsarbeit für Führungskräfte als bedeutsam gesehen, um Frauen für die Ausbildung in den neuen IT-Berufen zu gewinnen. Noch 20% der Betriebe befürworten die Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz und weisen so darauf hin, dass dieses Ziel in den Betrieben keinesfalls als bereits realisiert angesehen werden kann. Auch Frauen in Führungspositionen werden mit ebenfalls 20% der Nennungen gleichermaßen als wichtig erachtet, um junge Frauen für IT-Berufe zu gewinnen.

Die Qualität der Ausbildungspraxis werten die befragten RBS-Betriebe im Hinblick auf Benachteiligungen von Frauen als relativ unproblematisch. Auch die BIAT-Studie gibt hierzu wenig Aufschluss. So gaben 90% der befragten Auszubildenden an, mehr oder wenig mit der Ausbildung zufrieden zu sein. Auch die Bewertungen von Inhalt und Niveau der Ausbildungsinhalte durch weibliche und männliche Auszubildende unterscheiden sich kaum. Nur bei der Ausbildung zur Fachinformatikerin- Fachrichtung Anwendungsentwicklung fanden mehr Frauen als Männer das Niveau der Ausbildungsinhalte zu niedrig. Weibliche Auszubildende in dieser Fachrichtung wurden weit seltener mit schwierigen Ausbildungsinhalten (Programmieraufgaben, Systementwicklung) konfrontiert als Männer (Petersen; Wehmeyer 2001, 181).

Die aufgezeigten Befunde - so begrenzt sie auch sind - deuten daraufhin, dass die IT-Berufe Gefahr laufen immer stärker zu "Männerdomänen" zu werden. Dass zukunftsweisende Qualifikations- und Beschäftigungsmöglichkeiten im IT-Bereich sich für Frauen nicht erschließen, darf nicht akzeptiert werden. Folgende Empfehlungen sollen Hinweise auf entsprechenden Handlungsbedarf geben.

Die geringen Ausbildungsquoten junger Frauen in IT-Berufen werden oft vorschnell und einseitig auf eine mangelnde Berufsorientierung und traditionelles Berufswahlverhalten junger Frauen zurückgeführt. Tatsächlich wissen wir über diesen Prozess der Berufsorientierung und -wahl bei jungen Frauen bislang wenig, was über gängige Zuweisungen hinausgeht. An ältere Untersuchungen zu diesem Thema kann nicht mehr bruchlos angeknüpft werden, da Einstellungen, Werte und Erwartungen von jungen Frauen und Männern in Phasen der Berufsorientierung und Berufswahl sich ebenso stark verändert haben wie die Lebensentwürfe im Prozess fortschreitender Individualisierung. Hier besteht zunächst grundlegender Forschungsbedarf. Darüber hinaus ist es notwendig, innovative Ansätze zu entwickeln, die stärker als bisher Be-rufsorientierung und Berufswahl für beide Geschlechter als längerfristigen Entwicklungsprozess begreifen. Innovation muss sich dabei zusätzlich auf verstärkte Kooperationen zwischen Schule, Berufsberatung, Betriebe und Familie beziehen.

Die oben referierten Befragungsergebnisse geben kaum Hinweise darauf, in welcher Weise die betriebliche Ausbildungspraxis positive Voraussetzungen dafür schaffen kann, dass mehr junge Frauen motiviert sind, eine IT-Ausbildung zu beginnen. Lernen und Ausbildungskon-zepte müssten berücksichtigen, dass Individuen eigene Lern- und Handlungsstrategien im Umgang mit IuK-Technologien entwickeln. Dies ist eine Bedingung dafür, dass Technikinteresse und technisch orientierte Kompetenzen und Fähigkeiten von Frauen erkannt werden und daran angeknüpft werden kann.

Dies müsste sich auch in der Gestaltung von Personalauswahlverfahren auswirken. Beispiele aus der Praxis belegen, dass in Betrieben, die geschlechtssensible Auswahlverfahren anwenden, der Frauenanteil erhöht werden konnte. Auch haben Eignungstests, bei denen das Ge-schlecht nicht erkennbar war, zu einer Erhöhung des Frauenanteils in stärker technikorientierten IT-Bereichen und einer Erhöhung des Männeranteils in kaufmännisch orientierten IT-Bereichen geführt.

Für die Betriebe ist es wesentlich, dass sie neue Arbeits- und Organisationskulturen entwickeln die, vermittelt durch betriebliche Leitbilder und Managementstrategien, Genderaspekten besondere Aufmerksamkeit widmen und hierzu Wahrnehmungsfähigkeiten von Männern und Frauen im gesamten betrieblichen Kontext schärfen.

Der symbolischen Wirkung von geschlechtstypischen Charakterisierungen und Zuweisungen in den neu geschaffenen IT-Berufsbildern ist in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Es darf nicht vergessen werden, dass trotz des geglückten Ansatzes einer Verschränkung von technischen, betriebswirtschaftlichen und Managementkompetenzen in den neuen Berufen, traditionelle Bilder und Assoziationsketten, die mit Geschlecht verknüpft sind, wie Computer=Technik=männlich langlebig sind. Auch ist das Image der Computer-branche mit Individualismus, Konkurrenz und "Rundum die Uhr Arbeitsplätzen" verbunden, was diese für Frauen in besonderer Weise unattraktiv erscheinen lasst. Auch hier gilt es gegen zu wirken.

Agnes Dietzen, Gisela Westhoff

 

Letzte Änderung: 25.05.2011 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

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Erstellt am: 04.01.2002 Kommentare hinzufügen »

 
 
 

Korrespondenzadresse:

Dr. Agnes Dietzen (Tel.: 0228-107-1125, E-mail: dietzen@bibb.de)
Gisela Westhoff (Tel.: 0228-107-1509, E-mail: westhoff@bibb.de)
Bundesinstitut für Berufsbildung
Friedrich-Ebert-Allee 38
53113 Bonn

Literatur

Borch, H. and Weissmann, H. (2000): Erfolgsgeschichte IT-Berufe. In: Berufsbildung
 in Wissenschaft und Praxis (BWP), 29, Nr. 6, S. 9-1.
Brandes, H.; Dietzen A.; Westhoff, G. (2001). Ausbildung junger Frauen in IT-
Berufen, RBS Info Nr. 19, April.
Petersen, A. W.; Wehmeyer, Ch.: (2001). Die neuen IT-Berufe auf dem Prüfstand.
Teilprojekt 1. Abschlussbericht. Flensburg.