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Jugendliche mit Migrationshintergrund haben geringere Chancen auf eine Ausbildungsstelle. Dies zeigt eine aktuelle Expertise des BIBB, die bei der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht wurde. Selbst bei gleichen schulischen Voraussetzungen müssen Jugendliche mit Migrationshintergrund schwierigere Übergangsprozesse durchlaufen als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Hierzu finden sich in der Expertise Ursachen, Hintergründe und zentrale Handlungsvorschläge.
Geringere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt
Ursula Beicht und Mona Granato analysieren in der BIBB-Studie "Übergänge in eine berufliche Ausbildung. Geringere Chancen und schwierige Wege für junge Menschen mit Migrationshintergrund" die Übergangswege junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in eine Berufsausbildung unter besonderer Berücksichtigung der schulischen Voraussetzungen.
Die Auswertungen zeigen, dass Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ähnliche Strategien der Ausbildungsplatzsuche nach Beendigung der allgemeinbildenden Schule anwenden. Trotzdem haben Jugendliche mit Migrationshintergrund geringere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden als einheimische Jugendliche. Viele von ihnen durchlaufen langwierige Übergangsprozesse und münden erheblich später und seltener in eine Berufsausbildung ein.
Die Untersuchung zeigt, dass auch hinsichtlich ihrer Bildungspläne nach dem Schulende keine großen Unterschiede bestehen. Beide Gruppen haben eindeutige Bildungspräferenzen, klare (Aus-)Bildungsziele und konkrete Qualifizierungspläne.
Auch die verschiedenen Such- und Bewerbungsstrategien sind bei beiden Gruppen von gleicher Intensität. Unzureichende Bildungspläne und wenig Bemühungen um einen Ausbildungsplatz sind demnach keine Erklärungsansätze für die geringen Chancen Jugendlicher mit Migrationshintergrund.
Die Aufnahme einer Berufsausbildung liegt bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund um 20 Prozent höher als bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, unabhängig davon, ob nur betriebliche oder alle vollqualifizierten Ausbildungsformen betrachtet werden. Unabhängig vom Schulabschluss zeigt sich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund geringere Einmündungsquoten haben. Ähnliches zeigt sich bei den Noten: Der Notendurchschnitt von Schulabgängern mit Migrationshintergrund unterscheidet sich kaum von denen der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Dennoch mündet eine höhere Prozentzahl von einheimischen Jugendlichen in eine Berufsausbildung ein.
86 Prozent der einheimischen Jugendlichen gelingt es, innerhalb von drei Jahren nach dem Hauptschulabschluss eine Berufsausbildung aufzunehmen. Dagegen sind es bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur 68 Prozent.
Zusätzliche Einflussgrößen wie etwa der familiäre Hintergrund oder die soziale Einbindung der Jugendlichen erscheinen ebenfalls von großer Bedeutung.
Trotzdem sind die Ursachen für die geringen Einmündungschancen Jugendlicher mit Migrationshintergrund bei weitem nicht geklärt. Weder kulturelle Unterschiede noch formale Bildungsvoraussetzungen leisten einen eindeutigen Erklärungsbeitrag.
Bildungspolitische Handlungsperspektiven
Um Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Zugang zu einer Berufsausbildung zu ermöglichen, müssen zunehmend deren Kompetenzen und Potenziale ins bildungspolitische Blickfeld gerückt werden. Die Autorinnen fordern deshalb eine breit angelegte Qualifizierungsoffensive zur stärkeren Berücksichtigung der Potenziale von Jugendlichen.
Ein solch integriertes Förderprogramm sollte an folgenden Handlungsfeldern ansetzen:
1. Angebot konsequenter Nachqualifizierung
Jungen Menschen mit (und ohne) Migrationshintergrund ohne Berufsabschluss gilt es, aufbauend auf ihren bisherigen beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen, im Zuge einer berufsbegleitenden Nachqualifizierung eine "zweite Chance" für einen anerkannten Berufsabschluss zu eröffnen.
2. Vollqualifizierte Ausbildung für alle - betriebliche Ausbildung
Um allen beim Zugang zu einer betrieblichen Ausbildung eine faire Chance zu eröffnen, müssen mögliche Selektionsmechanismen am Übergang Schule-Ausbildung abgebaut werden. Ein Schritt in diese Richtung ist die Sensibilisierung von Personalverantwortlichen im Hinblick auf Chancengleichheit. So wäre eine Anonymisierung von Bewerbungsunterlagen, wie es sich in der Schweiz durchgesetzt hat, hilfreich.
3. Vollqualifizierte Ausbildung für alle - außerbetriebliche Ausbildung
Stehen nicht genügend betriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung, so wäre es notwendig, allen Jugendlichen den direkten Zugang zu einer dualen Ausbildung in einem außerbetrieblichen Ausbildungsplatzprogramm zu ermöglichen - ohne Umwege und Warteschleifen im sogenannten Übergangssystem.
4. Vielfalt als Chance- Diversity als integrierte Unternehmensstrategie
Auf Potenziale junger Menschen mit Migrationshintergrund als Nachwuchskräfte zu verzichten, kann sich ein modernes zukunftsfähiges Unternehmen nicht leisten. Daher gilt es, bestehende Bedenken der Unternehmen auszuräumen, um die Kompetenzen und Fähigkeiten aller jungen Menschen zu nutzen. Rekrutierungsverfahren sollten durch chancengleiche Auswahlverfahren ersetzt werden; Fachkräfte sollten für die interkulturellen Kompetenzen junger Bewerberinnen und Bewerber sensibilisiert werden.
5. Regionales Übergangsmanagement und Übergangssystem qualitativ verbessern und zielgruppenspezifisch differenzieren
Der Übergangsprozess könnte durch ein breites Mentoring-Programm unterstützt werden. Mentoren sollten als aktive kontinuierliche Begleitung für den gesamten Orientierungs-, Übergangs-, und Qualifizierungsprozess hindurch bis zu einer stabilen, ausbildungsadäquaten Einmündung in den Beruf eingesetzt werden.
6. Anerkennung von Schul- und Berufsbildungsabschlüssen aus dem Herkunftsland
Einheitliche Regelungen für die Anerkennung schulischer und beruflicher Bildungsabschlüsse aus dem Herkunftsland wären dringend erforderlich, um die berufliche Integration und Mobilität aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu fördern. Regelungen der Anerkennungspraxis sind bundesweit einheitlich weiterzuentwickeln und transparenter zu gestalten.
Abschließend formulieren die Autorinnen: "Das Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe an beruflicher Bildung kann letztlich nur durch eine gleichberechtigte Teilhabe an Bildung erreicht werden, durch eine gleichberechtigte Partizipation an allen Bildungsetappen."
Letzte Änderung: 23.05.2011 eMail-direkt » Seite empfehlen »
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Erstellt am: 25.09.2009 Kommentare hinzufügen »