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In Deutschland gelten Personen als arm, die über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen. Nach aktuellen Daten aus dem Jahr 2008 betrifft das etwa 14 Prozent der Bevölkerung. Das entspricht etwa 11,5 Millionen Menschen. Besonders gefährdet sind junge Erwachsene und Haushalte mit Kindern. Armut ist ein ursächlicher Grund für schlechte Bildung und birgt die Gefahr, dass sich soziale Benachteiligung dauerhaft verfestigt.
Hohes Armutsrisiko bei jungen Erwachsenen
Die Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) werden jährlich vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Zusammenarbeit mit TNS Infratest Sozialforschung erhoben. Neue Analysen zur Einkommensverteilung in Deutschland auf Basis des SOEP zeigen eine um 3,5 Prozent gestiegene Einkommensarmut im Vergleich zu vor zehn Jahren. In Ostdeutschland ist das Armutsrisiko mit rund 19 Prozent der Einwohner nach wie vor deutlich stärker ausgeprägt als im Westen mit cirka 13 Prozent.
Zum Teil weit überdurchschnittliche Armutsrisiken wurden bei Kindern und insbesondere bei jungen Erwachsenen beobachtet. Im Jahr 2008 lebten knapp ein Viertel der Erwachsenen im Alter von 19 bis 25 Jahren in Haushalten mit einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle. Diese Gruppe weist mit mehr als sechs Prozentpunkten auch den absolut stärksten Zuwachs des Armutsrisikos in den vergangenen zehn Jahren auf.
Als Grund dafür wird unter anderem angesehen, dass der Einstieg in den Arbeitsmarkt bei Vielen über prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder schlecht bezahlte Praktika erfolgt (Generation Praktikum). Außerdem finden sich innerhalb der Gruppe der jungen Erwachsenen zunehmend Ein-Personen- und Alleinerziehenden-Haushalte. Die Armutsquote unter allein lebenden jungen Erwachsenen lag 2008 bei über 65 Prozent.
Unter allen Haushaltstypen weisen Alleinerziehende mit weitem Abstand die höchsten Armutsraten auf. Über 40 Prozent der Personen in Haushalten von Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern galten 2008 als einkommensarm. War das jüngste Kind in einem solchen Haushalt bis zu drei Jahre alt, waren sogar mehr als die Hälfte der Personen von Armut betroffen.
Unterschiedliche Tendenzen bei Migrantinnen und Migranten
Keine Überraschung ist es, dass Personen mit Migrationshintergrund gewöhnlich höhere Arbeitslosenquoten aufweisen als Einheimische. Die DIW-Studie unterscheidet aber zusätzlich nach der Herkunft und kommt dadurch zu differenzierteren Ergebnissen.
Demnach besteht für Personen mit Migrationshintergrund aus den alten EU-Mitgliedstaaten (EU-15) ein kaum höheres Risiko der Einkommensarmut. Zugewanderte aus Nicht-EU-Ländern sind hingegen durchweg mit einem deutlich höheren Armutsrisiko konfrontiert. Der Abstand der beiden Gruppen ist in den letzten Jahren noch größer geworden.
Laut DIW müssen diese Ergebnisse nicht notwendigerweise auf eine aktive Diskriminierung dieser Migrantengruppen hinweisen. Sie können auch das Ergebnis von institutionellen Restriktionen sein, wie dem fehlenden Zugang zu einer Arbeitserlaubnis.
Ein höherer Beschäftigungsgrad senkt das Armutsrisiko
Ebenfalls wenig überraschend ist es, dass Haushalte mit durchgehender Vollzeiterwerbstätigkeit gegenüber Erwerbslosen-Haushalten ein reduziertes Armutsrisiko besitzen. Der Unterschied wird in der Studie mit zehn Prozent angegeben. Auffälliger ist, das sich Haushalte mit geringer Arbeitsintensität im Lauf der Zeit immer mehr den Haushalten ohne jegliche Erwerbstätigkeit angenähert haben.
Dieses Ergebnis kann dahingehend interpretiert werden, dass mit der Ausweitung des Niedriglohnsektors in Deutschland auch die Chance, den Bereich von Einkommensarmut zu verlassen, geringer geworden ist.
Ein hohes Armutsrisiko in Kindheit und Jugend beeinträchtigt die Entwicklungsmöglichkeiten im weiteren Lebensverlauf und bleibt somit eine Herausforderung für die Politik. Die Autoren der DIW-Studie plädieren für einen zielgruppenspezifischen, koordinierten Einsatz geeigneter Instrumente zur nachhaltigen Bekämpfung der Kinderarmut. Eine ausschließliche Aufstockung monetärer Transfers sei hingegen nicht nachhaltig.
Mit der zum 1. Januar 2010 beschlossenen Erhöhung des Kindergeldes werde das Problem der zunehmenden Kinderarmut beispielsweise nicht adäquat bekämpft. Haushalte mit hohen Einkommen profitierten aufgrund der steuerrechtlichen Anpassung beim Kinderfreibetrag überproportional, während dieser zusätzliche Transfer bei Haushalten mit Bezug von Arbeitslosengeld II vollständig angerechnet werde.
Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt
Armut gilt mittlerweile als ursächlicher Grund für schlechte Bildung. Armut bestimmt die Schullaufbahn und das weitere (Berufs-)Leben der Betroffenen. Armut wirkt sich auch langfristig aus: von 100 Kindern, die bereits während ihrer Kindergartenzeit als arm galten, schaffen nach der Grundschule gerade einmal vier den Sprung aufs Gymnasium - bei nicht-armen Kindern sind es 30.
Diese Zusammenhänge untersucht die bereits seit 1997 laufende Langzeitstudie "Kinder- und Jugendarmut", die das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt (AWO) durchführt. Die bisherigen Forschungsphasen behandelten das Thema Armut im
Vorschulalter sowie im frühen und späten Grundschulalter.
Die aktuelle Erhebung, die noch bis 2012 läuft, befasst sich mit der "Armut am Ende der Sekundarstufe I". Hierzu werden die bereits zuvor beobachteten, 1993 geborenen Kinder und deren Eltern nunmehr zum dritten Mal befragt. Dabei wird unter anderem von folgenden Forschungshypothesen ausgegangen:
Aus den Ergebnissen der bisherigen Forschungsphasen kann geschlossen werden, dass negative Langzeitfolgen umso größer sind, je früher und länger ein Kind in Armut aufgewachsen ist. Armutskarrieren können sich systematisch verfestigen und damit "vererbt" werden.
Laut der AWO-ISS-Studie gibt es aber eine hohe Dynamik zwischen verschiedenen Lebenslagen und viele Möglichkeiten des individuellen Bewältigungshandelns und zur strukturellen Prävention. Deshalb gelte nicht "Einmal arm - immer arm". Es bestehe aber eine hohe Gefahr von "Immer arm - immer sozial benachteiligt".
"Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen", Wochenbericht des DIW (PDF, 545 KB)
Letzte Änderung: 23.05.2011 eMail-direkt » Seite empfehlen »
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Erstellt am: 03.03.2010 Kommentare hinzufügen »
"Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen", Wochenbericht des DIW (PDF, 545 KB)