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Schwellen vermeiden - Zugänge öffnen

Die klassischen Qualifizierungsmaßnahmen grenzen manche Jugendliche durch hohe Anforderungen aus. Um auch ihnen passende Angebote zu bieten, entstehen neue, "niedrigschwellige"  Initiativen. Sie sprengen die gedachten Grenzen der Normalbiografie und machen die speziellen Biografien und lebensweltlichen Bedingungen der Menschen zum Ausgangspunkt von Förderung.

Viele Fachleute aus der Praxis mahnen, dass sie einer wachsenden Zahl von jungen Menschen nichts anbieten können, weil die Zugangs- und Rahmenbedingungen der bestehenden Maßnahmen zu hoch angesetzt sind. Die klassischen Förderkonzepte passen nicht zu den oft schwierigen Lebenslagen, deshalb tragen sie erneut zu Ausgrenzung und dauerhafter Hilfsbedürftigkeit bei.

Dieses Problem, den Teufelskreis aus Benachteiligung, Hilfebedürftigkeit, Überforderung etc. hat die Bundesarbeitsgemeinschaft örtlich regionaler Träger der Jugendsozialarbeit (BAG ÖRT) aufgegriffen und eine Studie zum Thema "Niedrigschwellige Integrationsförderung" in Auftrag gegeben. 

An der jeweiligen biografischen Lebenssituation ansetzen

Die von Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Andreas Oehme und Claudia Muche von der Universität Hildesheim verfasste Studie stellt neue Projekte vor, die in ihren sozialen Umfeldern pädagogische Notwendigkeiten und individuelle Bedarfe wahrgenommen und darauf reagiert haben. Sie setzen an der jeweiligen biografischen Lebenssituation an, schaffen neue Zugänge und versuchen, in der Region Tätigkeiten und Perspektiven zu bieten. Gegen den Strom der Orientierung an den neuen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt agieren die Fachleute in der Tradition der Jugendberufshilfe, im Grundverständnis einer sozialpädagogischen Fachlichkeit.
 
Dazu gehört als "Faustregel", den Selbstwert derjenigen, die Versagens- und Ausgrenzungserfahrungen haben, denen der Zugang zur Erwerbsarbeit und sozialer Anerkennung verwehrt ist, wiederherzustellen. Die Projekte lösen bestehende Grenzen auf, sie öffnen das Blickfeld: So erweitern sie den herrschenden Arbeitsbegriff und schaffen neue Möglichkeiten zu Tätigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Gleichzeitig unterstützen sie die Lebensbewältigung der Betroffenen, sie geben Gelegenheit, Fähigkeiten zu erproben und zu erschließen, die jenseits gängiger Qualifikationen liegen.

Die Studie fasst Niedrigschwelligkeit als ein neues Organisationsmodell im gesamten Bereich der Beschäftigungsförderung auf. Den Leserinnen und Lesern bietet sie zunächst einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung dieser Ansätze in unterschiedlichen Einsatzfeldern. Sie untersucht die komplexen rechtlichen Rahmenbedingungen und gibt einen Überblick über gesetzliche Vorgaben und Regelungen (SGB II, III, VIII), über damit verbundene Integrationsvorstellungen und -ziele sowie über konkrete Finanzierungsinstrumente.

Projektbeispiele bieten Praxiseindrücke

Anhand von sechs Beispielen gibt sie einen anregenden Einblick in die Praxis. Auf der Basis von Interviews mit Mitarbeitenden und Teilnehmenden werden folgende Projekte skizziert:

  • Pappel 74, Berlin
  • Intergationswerkstatt Wrangelsburg, Ostvorpommern
  • Raumlabor des Stadtteiforums Idee 01239, Dresden
  • Check-In, Jena
  • KulturwerKer, Hildesheim
  • Gekommen um zu bleiben - Gemeinsam in die Zukunft starten, Eberswalde

Dabei werden die Praxisprojekte nicht als übertragbare Modelle verstanden, da sie von jeweils spezifischen regionalen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, von konkreten Arbeitszusammenhängen vor Ort und von Personen bestimmt sind. Absicht der Studie ist stattdessen, aus der Analyse der verschiedenen Projekte konzeptionelle Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und damit Grundzüge einer Fachlichkeit niedrigschwelliger Jugendsozialarbeit zu entwickeln. 

Als ein zentraler Bestandteil einer niedrigschwelligen Jugendsozialarbeit gilt darin die spezifische Sicht auf die Jugendlichen. Bei den Zielgruppen handelt es sich - wie zu erwarten - um junge Menschen mit vielen Erfahrungen des Scheiterns, verbunden mit materieller Armut, häufig sozialer Enge und sehr eingeschränkten Perspektiven. Neben verbreiteten Problemen (Sucht, Armut, soziale Enge) kennzeichnen aber Gegensätze die Jugendlichen: auf der einen Seite die lauten, auffälligen, auf der anderen Seite die stillen zurückgezogenen, hier Jugendliche ohne Abschluss, dort aber Abiturienten und Abiturientinnen, Kinder aus bildungsfernen Milieus wie aus allen anderen Bildungsschichten. 

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen begegnen jeder einzelnen Person mit professionellem und akzeptierend-respektvollem Verständnis, sie fassen deren Probleme als eingeschränkte Handlungsoptionen auf. Aus dieser Haltung heraus können sie in einer heterogenen Zielgruppe den jeweils individuellen Handlungsbedarf wahrnehmen und entsprechende Förder- und Unterstützungsangebote anbieten.
 
Abwendung von der "Normalbiografie"

Anders als in den üblichen arbeitmarktpolitischen Instrumenten geht es nicht darum, jemanden "fit zu machen" für festgelegte Anforderungen, sondern darum, neue Zugänge zu schaffen und die Person auf eigenen Wegen für diese Zugänge zu befähigen. Die Projekte zielen in einem weiteren Sinne auf Arbeits- und Lebensfähigkeit, auf Selbstbestimmung, Teilhabe am sozialen Leben und positive Erfahrungen mit Arbeit. Erreicht werden diese Ziele weniger über Regeln und Sanktionen als über Vertrauen, Bindungen, individuelle Begleitung sowie über Mitbestimmung. Eine solche Konzeption setzt Freiwilligkeit und biografische Passung ebenso voraus wie eine flexible Gestaltung und eine sozialräumliche Vernetzung.

Aus Sicht der "Benachteiligtenförderung" weisen diese Projekte nicht nur neue Wege, sondern stellen die hier bisher gültigen Prinzipien in Frage. Sie werfen die Frage auf, ob es eigentlich Ziel arbeitsmarktpolitischer Instrumente sein kann, jeden Menschen in eine Normalbiografie einzupassen, ihn an vorherrschenden Normen zu messen. Sie wenden sich ab von Benachteiligtenmodellen, die in diesem Sinne auf Eingliederung zielen und dafür die "Defizite" der einzelnen bearbeiten. Stattdessen akzeptieren sie die Verschiedenheit der jungen Menschen und nehmen strukturelle Probleme wahr.

Niedrigschwellige Angebote verschieben die Perspektive von einem eindimensionalen Integrations- zu einem mehrdimensionalen Inklusionsverständnis. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung dieses Feldes (das man dann erst recht nicht mehr Benachteiligtenförderung nennen mag).

Letzte Änderung: 06.01.2012 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

Kommentare

Michael Sturm am 11.10.2010 13:33

Den beschriebenen Ansatz in der Jugendhilfe kann ich nur begrüßen. Wir, die evangelischen Jugendhilfebetriebe in Bayern, führen genau diesen Ansatz bereits seit vielen Jahren so durch. Stärken der Jugendlichen entwickeln und indiviuelle Perspektiven fördern, dies versuchen wir in unseren Betrieben mittels des betrieblichen Lernfeldes zu verwirklichen. Ich wünsche den beschriebenen Projekten viel Erfolg in der Arbeit und viel Geschick, sich gegen die Beschränkungen durch die Geldgeber zu stellen.
Michael Sturm, Fachbereichsleiter, Diakonie Hasenbergl, München

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Erstellt am: 27.08.2010 Kommentare hinzufügen »