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Muslimische Jugendliche zwischen Werten und Welten

"Du musst gehorsam sein und deine Wünsche den Interessen der Familie unterordnen", sagen die Eltern. "Wir wollen dich zu einem selbständig lernenden und lebenden Individuum erziehen", sagen die Lehrkräfte. Der Spagat, in den muslimische Jugendliche hineingezwungen sind, ist beachtlich - und häufig fatal für ihre Bildungschancen und ihren Bildungserfolg. Wie er mit Hilfe gezielter Förderung dennoch gelingen kann und warum das System "Schule" dazu seinen Bildungsauftrag überdenken müsste, zeigt eine neue Studie.

Sprachkompetenz und Bildung als Türöffner

Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung untersuchten die Soziologen Aladin El-Mafaalani und Ahmet Toprak die Lebenswelt türkisch- und arabischstämmiger junger Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen. Die Studie "Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland. Lebenswelten - Denkmuster - Herausforderungen" soll zum einen Fachleuten und Interessierten helfen, irritierende und "sozial unerwünschte" Verhaltensweisen verstehen zu lernen. Zum anderen stellt sie die Frage: "Wie kann man junge Migranten dabei unterstützen, ein Teil dieser Gesellschaft zu werden, ein gutes Leben im Rahmen rechtlicher Normen und sozialer Werte zu führen?"

In ihrer Analyse machen Mafaalani und Toprak zunächst vier Ebenen sozialer Integration aus: 

  • Strukturelle Integration (Arbeitsmarktintegration und Bildungsbeteiligung)
  • Kulturelle Integration (soziale Werte und Sprache)
  • Soziale Integration (soziale Beziehungen)
  • Emotionale Integration (Identifikation der Individuen)

Den Bereichen Sprache und Bildung weisen sie eine Schlüsselposition für eine dauerhaft gelingende Integration zu. Jugendliche suchen nach Anerkennung und dem Gefühl der Zugehörigkeit. Beides können sie vor allem über Erwerbsarbeit und soziale Beziehungen gewinnen. Und gerade hier sind die Sprachkompetenz und das Bildungsniveau des Einzelnen Türöffner zum persönlichen und gesellschaftlichen Erfolg.

Kaum auflösbare Widersprüche und groteske Missverständnisse

Welche Hürden die Jugendlichen auf diesem Weg zu überwinden haben, zeigen die Autoren in ihrer ausführlichen und differenzierten Betrachtung der Lebenswelten Familie, Peer Group (Gruppe Gleichaltriger bzw. Gleichgestellter) und Schule. In all diesen Bereichen erschweren kaum auflösbare Widersprüche zwischen unterschiedlichen Erziehungszielen, Werten und Erwartungshorizonten die Orientierung und Selbstfindung der jungen Menschen, die in dieser Lebensphase eigentlich schon schwierig genug sind.

So erwarten die Eltern vom Schulsystem die Durchsetzung von Werten wie Respekt, Disziplin und Ordnung, mischen sich aber grundsätzlich nicht in die Erziehungshoheit der Schule ein: "Lehrkräfte genießen in praktisch allen muslimisch geprägten Gesellschaften eine derart besondere Autorität, dass von den Eltern Erziehungsmaßnahmen in der Schule niemals in Frage gestellt werden." Für die Jugendlichen stehen die traditionellen muslimisch geprägten Erziehungsziele in krassem Widerspruch zu den Werten, die ihnen die moderne Schulpädagogik vermitteln will: Selbständigkeit, Selbstdisziplin und kooperatives Verhalten. Werte wie Eigenverantwortung und Individualität empfinden die Eltern aber als Bedrohung ihrer kulturellen Identität - individuelle Ansprüche sind immer dem Familienzusammenhalt und der Familienehre unterzuordnen -, was wiederum dazu führt, dass sie ihr Erziehungsziel "Respekt vor Autoritäten" noch rigider verfolgen als zuvor. Eben jener Respekt, der ihnen traditionell selbst die Einmischung in oder gar den Widerspruch gegen Erziehungsmaßnahmen der Schule verbietet, ist neben Sprachproblemen der Hauptgrund für die Abstinenz bei Elternsprechstunden und die teils enormen Schwierigkeiten von Pädagogen, eine funktionierende Elternarbeit oder auch nur ein Mindestmaß an Kommunikation in Gang zu bringen.

Gerade in den Gegensätzen der Bezugssyteme Familie und Schule führen die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe zu teils grotesken Missverständnissen zwischen den Beteiligten. Ein Beispiel dafür ist der direkte Blickkontakt: Ein Vater, der sein Kind zurechtweist, erwartet von ihm, dass es dies schweigend erträgt. Es darf die Autoritätsperson nicht direkt anschauen, genervt zu Boden schauen ist dagegen im Rahmen des Erlaubten. Ein Lehrer würde ein solches Verhalten - Schweigen, Blickkontakt meiden, genervt zu Boden schauen - als respektlos oder mindestens desinteressiert interpretieren. Der Jugendliche demonstriert mit auf den Boden gerichtetem Blick aber gerade Respekt und erkennt damit die Autorität des Pädagogen an.

Zwischen Herkunftsmilieus und Mehrheitsgesellschaft

Um solchen Missverständnissen vorzubeugen, weist die Studie ausführlich auf typische "Stolpersteine" und "Türöffner" im Umgang mit Eltern und Jugendlichen hin. Darüber hinaus vermittelt sie ein Verständnis dafür, welche Werte und Erziehungsziele in traditioneller geprägten arabisch- und türkischstämmigen Familien gepflegt und verfolgt werden. Neben den bereits erwähnten (Respekt vor Autoritäten und Familienzusammengehörigkeit) sind dies vor allem Ehrenhaftigkeit, Leistungsstreben, nationale und religiöse Identität.

Die Studie zeigt auch die zentrale Problematik auf, die eine klar abgegrenzte geschlechtsspezifische Erziehung für die Jugendlichen mit sich bringt: Jungen werden in traditionell und/oder religiös orientierten Familien zum späteren Familienoberhaupt und Ernährer erzogen, also zu Männlichkeit und Dominanz, Mädchen zur späteren Hausfrau und Mutter, also zu Zurückhaltung und Gehorsamkeit. Diese Rollenmuster haben einen unmittelbaren Einfluss auf die Einstellung zur Schule und den Schulerfolg, wie die Autoren am Beispiel eines Schülers und seiner jüngeren Schwester zeigen:

"Während Murat kaum zu Hause war, viele Freiräume hatte und die Schule als Pflichtveranstaltung bei "den Deutschen" bezeichnet, bietet die Schule für Gülcien einen gewissen Freiraum, wohingegen die Lebenswelt Familie durch Pflichten gekennzeichnet wird. Der primäre Bezugspunkt, also der Ort für Anerkennung, ist für den Jungen die Jugendgang und für das Mädchen die Schule."

Angesichts der unterschiedlichen Problemlagen von Jungen und Mädchen muss demnach eine individuelle Förderung unterschiedlich gestaltet sein: "Hierin liegt unseres Erachtens eine große Herausforderung, da sich die pädagogische Arbeit in den Institutionen zunehmend dahingehend gewandelt hat, kaum genderspezifisch differenzierte Angebote zu machen."

Die divergierenden Bilder der Geschlechterrollen ihrer Herkunftsmilieus und der Mehrheitsgesellschaft, so zeigt die Studie, spielen auch beim Streben nach sozialer Anerkennung eine bedeutende Rolle. Die verschiedenen kulturellen Codes sind für die Jugendlichen nur schwer zu vereinbaren. Wo die Vermittlung nicht gelingt, bleibt vielfach nur der Rückbezug auf die traditionellen Werte der türkischen oder arabischen "Community" und die sozialen Bindungen der Peergruppe. Dies kann im ungünstigen Fall dazu führen, dass männliche Jugendliche über ein überzogenes Männlichkeitsideal in ihrer Jugendgang in den Sog von Gewalt, Kriminalität oder auch religiösen Fundamentalismus geraten. Eindringlich beschreibt Aladin El-Maafalini diesen Zusammenhang in einem Interview mit der ZEIT:

"Da junge Menschen auch in der Schule weder Anerkennung noch Orientierung finden, wird dieses Vakuum anders gefüllt. Unkontrolliert. Hier kommen die Peers ins Spiel, die natürlich für alle Jugendlichen wichtig sind. Problematisch ist das, wenn die einzige relevante Lebenswelt aus den anderen perspektivlosen Jugendlichen besteht. So können radikale Formen entstehen. Das ist nicht so häufig, aber wenn es passiert, sind Gewaltexzesse zum Beispiel extremer als früher."
(ZEIT online, 26.09.2011)

Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule

Von den Schulen fordert die Studie angesichts dieser komplexen Problemlagen mit ihren Risiken und Chancen, sich neben der notwendigen Wissensvermittlung und Leistungsorientierung der Herausforderung einer ressourcen-(oder kompetenz-)orientierten individuellen Förderung zu stellen, kurz gesagt: neben dem gesetzlichen Bildungsauftrag auch ihren Erziehungsauftrag weitaus stärker wahrzunehmen als bisher. Dazu sind nach Ansicht der Autoren schulumfassende Konzepte für den Umgang mit Vielfalt und Ungleichheit nötig. Auf der Ebene der Personalentwicklung sehen sie dazu zwei notwendige Schritte: 

  • den umfassenden Ausbau des Aus- und Weiterbildungsbereichs auf pädagogische Diagnostik, individuelle Förderung und interkulturelle Kompetenz 
  • die Personalerweiterung durch schulsozialpädagogische und -psychologische Fachkräfte

Im Schlusskapitel wirft die Studie einen Blick auf den Bildungsweg erfolgreicher Muslime in Deutschland, um die bis dahin thematisierten Aspekte noch einmal aus einer anderen Perspektive zu zeigen. Gerade aus dieser veränderten Blickrichtung erscheint ihr Plädoyer noch einmal in einem anderen Licht: "Es müssen Strukturen und Prozesse implementiert werden, die es nicht zulassen, dass Kinder aufgegeben werden."

Letzte Änderung: 17.11.2011 eMail-direkt »       Seite empfehlen »

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Erstellt am: 10.11.2011 Kommentare hinzufügen »